Die Sache mit dem Vermissen

oder: Darf ich so etwas überhaupt sagen?

Ein wunderbarer Sonntag auf dem Dockville. Mit einigen Nachbarn bin ich hier, wir haben gemeinsam gelacht, Bier getrunken, ein bisschen getanzt. Nun stehen wir zusammen in der Schlange vor den mobilen Klos, meine Nachbarin und ich.

Und mit einem Mal kommt er angeflogen, dieser wundervolle kleine Moment. Ich liebe ihn, den winzigen verheißungsvollen Augenblick, genau auf der Schwelle zwischen loser Bekanntschaft und erster Freundschaftsbande. Nur einen kleinen Schritt weiter und schon könnte dieser Mensch einen Platz in meinem Leben einnehmen. Oder eben auch nicht.

Ich glaube, meine Nachbarin bemerkt es auch. Sie beugt sich vor, die Stimme vertraulich leise: “Darf ich etwas privates fragen? Wie kommst du mit dem vermissen klar, wo Mogli doch so oft beim Vater ist?“

Ich merke, sie will mich ermutigen genau jetzt aufzumachen, um ihr einen Einblick in meine Gefühlswelt zu geben. Sie will zeigen, dass sie Interesse an mir hat und vielleicht auch suggerieren, dass wir eine neue Ebene aufmachen sollten und ich ihr vertrauen kann. Doch natürlich merke ich auch, dass sie hören möchte wie schrecklich alles ist.

Zu Beginn war es schrecklich

Und zu Beginn war es auch schrecklich, die Sache mit dem Vermissen.

Bevor ich eine Wechselmama wurde und die Möglichkeit, meinen Sohn zu sehen, nicht von
einer Absichtsvereinbarung, sondern von einer Laune abhing, konnte ich die Zeit ohne mein Moglikind kaum aushalten.

Ich wurschtelte mich durch den Arbeitsalltag, taub und wie unter einer dichten Glocke von der Außenwelt abgeschnitten. Die Abende verbrachte ich auf dem Sofa, vor mich hin starrend und unfähig, irgendetwas zu tun. Ich wartete, auf den nächsten Tag, das nächste Wochenende, die Zeit zum Wiedersehen, ich war wie gelähmt und hing fest in der trägen Zeit, die einfach nicht verstreichen wollte. Ich konnte nicht lesen, keinen Sport machen, keine Freunde treffen. Ich hatte kein Gefühl mehr, alles in mir drin war leer. Ich konnte nicht einschlafen aus der Angst heraus, dass es meinem Kind nicht gut ging und ich nicht wusste, wann wir uns wiedersehen.

Und wenn wir uns dann wieder sahen, hatte ich schon vor dem Zusammentreffen Angst vor dem erneuten Abschied, der mich in neue Ungewissheit stürzen würde. Mein Ohr fiepte ständig, der Magen knurrte, das Lächeln auf meinem Gesicht, es war wie aufgeklebt, ich funktionierte aufgrund von jahrelang gelernten Ablaufmustern ohne zu wissen was ich eigentlich tat. Es waren nur drei Monate, aber diese drei Monate haben mich um Jahre altern lassen. Ja, das war schrecklich.

Heute ist es nicht mehr schlimm

Heute ist es nicht mehr schlimm. Jetzt, wo die Regeln klar definiert sind, wo jeder seine Rechte kennt und seine Pflichten tunlichst befolgen muss, jetzt finde ich es gut, wenn Mogli beim Vater ist. Weil er dort glücklich ist. Genauso glücklich wie bei mir.

Das musste ich lernen. Aber ich habe es auch gelernt.

Ich habe es komplett von meinem Wunsch, ihn immer bei mir zu haben entkoppelt. Es wäre dem Moglikind gegenüber so ungerecht. Und um keinen anderen geht es doch.

Und wir haben uns alle arrangiert, uns alle angepasst.
Genau wie mein Moglikind von der Mama- in die Papa-Woche wechselt, genauso wechsele ich seither meine Wochen.

Mogli in der Mama-Woche

In der Mama-Woche machen wir lange Radtouren zu den tollsten Eisdielen dieser Stadt, wir buddeln an unserem Hausstrand, fahren nach Lust und Laune S-Bahn, versinken in kuscheligen Ecken der Bücherhalle und schlafen oft zusammen ein, bevor die Tagesschau beginnt. Ich gehe in dieser Woche nicht aus, verpasse vielleicht die besten Konzerte und rührendsten Geburtstage, sage ab ohne Bedauern, es stört mich nicht. Wir haben nur die eine Woche, und wir haben nicht viel Zeit. Alles andere kann warten, zumindest bis nächste Woche. Wir leben im Jetzt, wir leben im Heute. Ich liebe sie, die Mama-Wochen.

Mareike in der Papa-Woche

Wenn Mogli in der Papa-Woche ist, treffe ich mich vorwiegend mit kinderlosen Freunden, ist mir aufgefallen. Mit denen ist es noch möglich beim Griechen ums Eck zu versacken in einer Nacht, die mit einem Mittagessen begann. Mit einer Freundin gehe ich in zwei Kinofilme nacheinander und dazu essen wir Popcorn, Konfekt und trinken lauwarmen Prosecco. Ich laufe durch den dunklen Park nach Hause, gehe über rotgelbe Ampeln und bleibe Sonntags bis zwölf im Bett. Manchmal arbeite ich 16h am Stück ohne Zähne zu putzen. Ich schnappe mir den Einen für ein Wellness Wochenende an der Ostsee, besuche Freunde in anderen Städten, verliere mich in Ausstellungen, fahre ohne Helm, gehe für zwei Tage auf Buchrecherche in die Wildnis. Ich betanke mich mit Lebensenergie und sammle neue Kraft, damit ich in der nächsten Woche alles dem kleinen Mann schenken kann. Ich liebe sie, die Mareike-Wochen.

Aber darf ich das auch so sagen?

Darf ich sagen, dass ich mein Kind vermisse, es aber deshalb trotzdem nicht sehen muss? Darf ich sagen, dass ich dieses Sehnsuchtsgefühl mag, weil ich doch sicher bin, dass alles in Ordnung ist? Darf ich sagen, dass ich beide Leben liebe und glücklich bin, sie zeitversetzt führen zu können, obwohl das Lebensmodell kein anerkannt „heiles Familienmodell“ darstellt sondern lediglich einen Kompromiss?

Darf ich soweit gehen zu sagen, dass ich diesen Kompromiss gebogen und personalisiert habe, bis er sich wie eine perfekte Knetschablone in mein Lebensgefühl eingeschmiegt hat? Darf ich sagen, dass ich dieses Leben gegen kein anderes mehr tauschen möchte, allen Widrigkeiten zum Trotz?

Ich denke, ich darf solche Dinge nicht sagen.
Ich denke, die Gesellschaft ist noch nicht so weit.
Ich denke, ich sollte genau jetzt damit anfangen, solche Dinge zu sagen.

Vermissen kann auch schön sein

Natürlich vermisse ich auch jetzt mein Kind, genau in diesem Moment, hier auf dem herrlichen Dockville-Festival. Aber es ist ein schönes vermissen.

Ich möchte meine Nachbarin, die den Schritt zur Fast-Freundin gewagt hat nicht vor den Kopf stoßen. Ich zwinkere sie an und sage: „Lass uns doch morgen auf einen Café treffen.“ Wir stehen ganz vorn. Das nächste Klo ist unseres.

Bild: Lina Grün

4 Replies to “Die Sache mit dem Vermissen”

  1. Liebe Mareike,
    ich kann alles zu 100% bestätigen, was Du schreibst. Vor der Trennung war ich quasi alleinerziehende Mama von zwei Kindern (80% Betreuung durch mich) inkl. Job und Zusatzausbildung. Seit der erste häftige Schmerz über die Trenung und das gescheiterte Familenmodell vorbei ist, kann ich dem Wechselmodell nur positives abgewinnen. Erst dadurch hatte ich überhaupt die Zeit zu mir selbst zu finden und kann durch die Zeit, die nur für mich ist, auch in der Mama-Woche eine bessere Mutter sein. Ich habe das Gefühl in unserer Familie haben alle davon profitiert. Die Zeit mit den Kindern ist kostbar und besonders intensiv, sie sind nicht mehr einfach nur da. Ich konzentriere mich viel mehr auf sie, bin geduldiger, echte quality time eben. Die kinderfreie Woche ist genauso kostbar, endlich bin ich ich und nicht nur Mutter, sondern in erster Linie Frau, viele meiner Freundinnen beneiden mich um diese Zeit. Trotzdem ist es natürlich nicht das einfachste Modell, es verlangt von den Eltern eine gehörige Portion Erwachsensein und Kompromissbereitschaft. Aber wir haben alle die Chance genutzt und sind daran gewachsen und das wünsche ich allen, die gerade die schwierige Trennungszeit bewältigen müssen. Es gibt ein Licht am Ende des Tunnels und auch wenn das Leben unkonventioneller wird, es wird aufregend und spannend und lustig und anders und enorm bereichernd, dafür ist es allerdings wichtig die Opferrolle und das alte Familienbild loszulassen, was nicht immer einfach ist, wenn die Zuschreibungen von außen immernoch den alten Konventionen folgen. Deshalb Danke für diesen Artikel!
    Liebe Grüße aus Berlin
    Manuela

  2. Liebe Mareike,
    Was für ein Segen, dass du als Wechselmama die Dinge so beim Namen nennst und auf den Punkt bringst. Beim Lesen rasen die unterschiedlichsten Emotionen durch mein Herz; Traurigkeit, Wut, aber auch Erleichterung, dass diese Lebenssituation, die für mich (als ganz ‚normale‘ Vollzeit-Mama) doch irgendwie unvorstellbar schrecklich scheint, offenbar auch Vorteile hat. Deine entwaffnende Ehrlichkeit macht Mut – hoffentlich allen Mamas, die mit ähnlichen Gefühlen kämpfen wie du.
    Und auch wenn’s die wenigsten Mamas zugeben würden – darf ich‘s sagen? – eine ICH-Woche, das wär schon toll…

    Tauschen will natürlich trotzdem freiwillig Keine mit einer Wechselmama – denn so wie du muss wohl jede erstmal durch die Hölle gehen. Zum Glück scheint in deinem Leben wieder die Sonne, was mich unglaublich erleichtert.

    Was soll ich sagen: danke für deine Gedanken!

    1. Liebe Katrin,
      vielen Dank für deine warmen Worte! Ich freue mich, gerade wenn solche Kommentare von Menschen kommen, die „Vollzeit-Eltern“ sind.
      Und ja, du darfst das sagen. Wir wollen aufhören mit dem „das darf man nicht sagen“, solange es um ehrliche Emotionen geht. In diesem Blog ist der richtige Platz dafür. Schön dass du da bist.

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