Die Sache mit dem KLICK

Oder: Was bedeutet eigentlich „Kernfamilie“ in Zeiten von Corona?

Ich bin mir sicher, jeder von uns wird sich an diesen einen Moment erinnern. An diesen einen Moment, als es in uns drin KLICK machte, als uns wirklich bewusst wurde, dass diese ganze aktuelle Situation weitreichende Konsequenzen haben wird. Wirtschaftlich, sozial und vor allen Dingen: in unserem ureigensten privaten Umfeld.

In dem einen Moment, als es in mir drin KLICK machte, gab es noch keine offizielle Ausgangsbeschränkung. Es gab Empfehlungen, Warnungen, erschreckende Bilder aus Italien – aber noch keine wirklichen Restriktionen für unser Leben hier in Deutschland.

Ich sage meine kleine Geburtstagsfeier ab und alle Freunde haben Verständnis. Einige sind erleichtert, nicht selbst absagen zu müssen. Nur vier sonnige Spielplatzstunden später erzählt mir ein ehemaliger Geburtstagsgast bei einem Café, dass er gerade aus einem Risikogebiet zurückkommt, es aber einfach nicht schafft, auf soziale Kontakte zu verzichten. Die Heftigkeit meiner Reaktion erschrickt mich, ihn sichtbar auch. Ich beschließe, ab sofort in 2-wöchige Quarantäne zu gehen und kann ihn nur inständig darum bitten, das Gleiche zu tun.

Hier ist er also: mein persönlicher KLICK-Moment.

Zuhause eingeschlossen, brummen meine Gedanken, mein Herz puckert unwohl nach.

Wir Mogli-Eltern haben beide Kontakt zu Risikogruppen. Ich frage mich, wie der Wechsel zukünftig von statten gehen soll. Ich hinterfrage meine Rolle, ich hinterfrage unsere Rollen, die von mir und die der anderen Seite, ich versuche Vergleiche zu ziehen, ich versuche zu bewerten: ich kann es einfach nicht.

Was wiegt schwerer, das Vermissen nach dem eigenen Kind oder die Verantwortung als Gemeinschaft zum Wohle anderer? Wer darf darüber bestimmen? Sind wir als Eltern noch vollumfänglich dafür verantwortlich, und ab wann übernimmt der Staat diese Antworten für uns?

Ich wühle mich durchs Internet, lese Familienblogs, suche in Gruppenforen. Ein Beitrag über aktuelle Wechselmodellregelungen in einem Rechtsmagazin hilft mir etwas weiter – meine Stimmung jedoch bleibt gedämpft. Kurz erwäge ich, meinem Risiko-Freund eine böse Nachricht zu schreiben. Ich unterlasse es und vertraue darauf, dass mein ungehemmter Wutausbruch noch lange in ihm nachhallt, ihn gar so tief erschütterte, dass er sein Verhalten ab sofort und für immer ändert. Erste Rückmeldungen bestätigen dies. Für den Moment fühle ich mich besser.

Und ohnehin: Dadurch kam mein persönlicher KLICK Moment eben früher, nicht später. Irgendwann wäre er aber ohnehin gekommen. Und der anderen Seite konnte ich so dabei helfen, ihn früher zu bekommen als später.

Nachbarschaftshilfe reloaded.

Das ältere Ehepaar weint, als ich ihnen mitteile, dass Mogli und ich die nächsten 2 Wochen nicht kommen können. Kurz danach möchte ich weinen, weil sich binnen weniger Minuten auf meinen Hilferuf in einem Nachbarschaftsportal so viele Menschen melden, die meine Rolle übernehmen möchten: hier und da ein kleiner Plausch, hin und wieder Spinnweben von der Zimmerdecke fegen, ab und an eine Getränkekiste aus dem Markt mitbringen, in erster Linie aber: da zu sein, für den Fall, dass jemand da sein soll.

Weiterhin bleiben so viele Fragen.

Beim Durchlesen der Texte der Bundesregierung störe ich mich an den offiziellen Verlautbarungen, die sich auf die „Kernfamilie“ beziehen. Die Kernfamilie, die draußen spazieren gehen darf. Die Kernfamilie, die jetzt unter sich bleiben soll in Zeiten von Corona. Was ist das?

Was ist eine Kernfamilie in Zeiten von getrennt Lebenden, Residenz-, Nest- und Wechselmodellen, den Regenbogenfamilien, den Alleinerziehenden mit Wochenend-Besuchseltern, und wer ist eigentlich ein Kernfamilienmitglied in einer Patchworkfamilie? Wiegt das Sicherheits- und Geborgenheitsgefühl im Kreise seiner „Kernfamilie“ eines Kindes mehr oder weniger als die potentielle Gefahr der Virenübertragung?

Was zum Kuckuck ist eine Kernfamilie in Deutschland im Jahre 2020?

Laut Wikipedia ist die ursprüngliche Definition einer Kernfamilie: Mama, Papa, Kind in einem gemeinsamen Haushalt. Auf unsere Situation gemünzt hieße das, der Mogli-Papa wäre kein Teil unserer Kernfamilie. Das passt nicht. Lässt man die Haushaltssituation außer Acht, hieße das, der Eine wäre kein Teil unserer Kernfamilie. Das passt auch nicht.

Die offiziellen Definitionen nerven mich, weil sie veraltet sind, weil sie mir nicht helfen, weil sie mich überfordern, wo ich doch schon vollkommen ratlos bin in dieser absurden Situation, die die ganze Welt überrumpelt hat. Ich wünsche mir klare Rahmenbedingungen, klare Ansagen, eine individuelles Regelwerk, höchstpersönlich geschrieben von Herrn Spahn an mich, auf seidenweichem Briefpapier, damit die Wahrheit nicht so weh tut.

…bis auf Weiteres

Ich spreche mit dem anderen Elternteil über die Situation. Wir beschließen, dass das Moglikind bei mir bleibt – bis auf Weiteres. Schnell, pragmatisch, umsichtig, irgendwie auch wohlwollend. Ich bin dankbar und ein bisschen stolz auf uns. In Krisenzeiten funktionieren wir.

Trotz allem habe ich großen Respekt vor allem Weiteren. Denn genau wie die definierte „Kernfamilie“ mit 100% dauerhaft anwesendem Kind Ihre festen Abläufe hat, genau so haben wir diese auch. Seit Jahren läuft mein Leben wie ein präzise ausgeklügeltes Wechsel-Uhrwerk: Die Mama-Woche und die Papa-Woche, die Woche mit Kind, die Woche ohne Kind, von nun an jedoch: Bis auf Weiteres mit Kind, dazu keine Kita und keine Freunde, die Kindfreien und arbeitsintensiven Wochen sind dafür bis auf Weiteres aufgeschoben.

Und zum doppelten Kuckuck – was heißt das überhaupt: Bis Auf Weiteres???

Das Moglikind lacht, als wir über die schwimmende Definition der Kernfamilie sprechen: „Völliger Schrott-Schwachsinn für den Sondermüll“. Diese Argumentation überzeugt mich.

Ab sofort ist Kernfamilie für mich, was Mogli daraus macht.

In der Mogliwelt besteht unsere Kernfamilie natürlich zuallererst aus Mogli selbst, dem Einen und mir, dem Mogli-Papa und unseren fünf Großeltern. Zu Moglis Kernfamilie gehört unsere Nachbarin, die kleine Aufmunterungen vor die Tür legt, damit es Mogli nicht zu langweilig wird. Zu unserer Kernfamilie gehört natürlich auch Moglis Freundin, die bunte Bilder für ihn malt und ins Fenster hängt, damit beide sich nicht vergessen. Auch zur Kernfamilie gehört meine Freundin, die launige Videos aus ihrem familiären Chaos schickt und uns damit immer wieder zum Lachen bringt.

Unsere Kernfamilie besteht aus all den Menschen, die das Moglikind behüten und erziehen, umsorgen und sich ihm mit größter Liebe, Konsequenz und Umsicht annehmen. Aus Menschen, die zur Familie gehören, unabhängig davon, ob sie dieselbe DNA oder Meldeadresse haben.

Nur körperlichen Kontakt, den haben gerade eben nur wir Drei. Hier in unserem Haushalt. Zumindest bis auf Weiteres.

#Stayathome #Stayhealthy ❤️

Bild: Daniel Cheung I Unsplash
Text: Mareike Milde

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