Das Wechselmodell – die Haute Couture der Lebensformen?

Das Wechselmodell in Deutschland und anderen Ländern

Ein warmer Herbsttag, ein kinderfreies Wochenende. Karo und ich sitzen vor einem altehrwürdigen Café in Friedrichshain und trinken Cappuccino. Wir beobachten die vorbei hastenden Menschen und sind froh, wieder zusammen zu sein. Karo ist selten da, sie arbeitet in der Fashion-Branche, meist fliegt sie auf andere Kontinente. Ansonsten lebt sie im 2-wöchigen Rhythmus mit Ihren beiden Töchtern das Wechselmodell.

Ich erzähle von meinem Blog. Karo sagt, er sei viel zu traurig für das unbeschwerte, fröhliche Leben, welches wir in der Realität führen. Ich sage, dass das Leben aber nicht ausschließlich Halligalli und Fröhlichkeit ist, sondern durchaus auch seine nachdenklichen Seiten hat. Und vielleicht macht es ja anderen Mut, die in ähnlichen Situationen stecken und sich noch nicht vorstellen können, dass es irgendwann wieder richtig schön sein kann. Auch wenn nicht mehr alles schön ist.

Karo hört schon nicht mehr zu. Mit ihrer langen Zunge schwurbelt sie einen Knoten in Ihren Kaugummi. Ich hatte nie eine Schwester, wenn jedoch, es müsste Karo sein, keine andere. Karo macht sich nie unnötig Gedanken, versinkt nie in Denkstrudeln, lässt sich nie durch Meinungen anderer ins Taumeln bringen, macht sich nie zu viele Sorgen. Sie lebt ganz im Jetzt.

Wir sind noch lange nicht Pret-a-Porter

Mit unverhohlenem Stolz platziert Karo ihr Kaugummi-Kunstwerk auf dem Unterteller und sagt: „In Deutschland hat das Wechselmodell den Status von Haute Couture. Es wird viel besprochen, viel darübergeschrieben, aber nur wenige leben es. Es hat den Hauch von einer Exklusivität, von etwas Ungeheuerlichem. Und der Weg in das normale Leben, auf die Straße, zum Pret-à-porter ist noch so unendlich weit. In keinem anderen Land muss ich mich für mein Lebensmodell verteidigen. Nur in Deutschland werde ich immer wieder in die Ecke der karrieregeilen und egoistischen Mutter geschoben.“

Ich denke nach. Eine Woche zuvor sah ich einen Beitrag zur aktuellen Studie „Kindeswohl und Umgangsrecht“, bei dem der Anteil der Trennungskinder, die im 50/50 Wechselmodell leben auf 5% beziffert wird. What??? 5%!

Haute Couture werden sich ebenso wenig Menschen leisten können.

In anderen Ländern längst etabliert

In anderen Ländern wie den USA, Australien, Skandinavien, Großbritannien oder Belgien ist das Wechselmodell seit Jahren als Status Quo etabliert. In Schweden leben sogar 40% der Trennungskinder in einem paritätischen Wechselmodell. Kein Wunder, dass Karo dort nicht kritisch angefeindet wird für das Leben, das sie hier so glücklich macht.

Komisch, dass Deutschland in diesen Ansichten immer noch so verstaubt ist. Ich muss husten vom Kakaopulver, es weht vom Milchschaum herüber.

Diese Nicht-Etabliertheit des gelebten Wechselmodells sorgt auch für komische Situationen im Alltag.  Immer wieder wird man mit Vorurteilen konfrontiert, das Kind wäre eine Art Fashion-Accessoire, welches man nur passend zur Saison trägt, bevor es wieder abgegeben wird, um ein Maximum an persönlicher Freiheit leben zu können.

Einmal wurde ich von der Mutter einer Freundin gefragt, ob wir den Plan des „Kinderverleihmodells“ bereits von Beginn an gehabt hätten. Es wäre ja sehr praktisch und scheinbar auch modern, diese Kinderleihabgabe an den Vater. Und auch zeitgerecht, mittlerweile leiht man schließlich alles, Stadtautos, Kleider, Handtaschen, Bohrmaschinen. Und wunderlicher Weise wirkt es, als würde unser Kind garnicht leiden, im Gegenteil, es macht einen recht fröhlichen Eindruck.

Eine Turn-Mama fragte mich kürzlich: „Wo ist denn dein Kind? Ach stimmt, du hast ja nur das Halbe.

Sind deutsche Wechselmodell-Mütter unvollständig?

Meine Freunde beneiden mich manchmal, weil sie selbst als Vollzeit-Eltern so arg eingebunden sind. Bekannte bedauern mich manchmal, da ich ohne Kind doch so unvollständig sei. Das Bedauern für den unvollständigen Vater hält sich hingegen in Grenzen. Er gilt als hip und verantwortungsbewusst.

Und ich selbst? Ich fühle mich unvollständig, wenn ich auf Reisen meine Knirschschiene vergesse. Oder wenn ich einschlafen muss, ohne den Einen gesprochen zu haben. Aber ich fühle mich nicht unvollständig, weil mein Kind eine schöne Woche bei seinem Papa verbringt.

Nein, kein Mensch lebt Haute Couture. Sie ist eine Illusion, ein Traum, eine schillernde Phantasie, es gibt sie nicht in der Realität. Nur die Wirklichkeit, das Prêt-à-porter gibt es hier, auf der Straße, im echten Leben. Mal mit mehr, mal mit weniger extravaganten Ausprägungen.

Karo stupst mich an: „Und jetzt, Yoga oder Wein?“

Zeit, das Ganze selbstbewusst anzugehen. Zeit, den kruden Äußerungen im alltäglichen Leben mit humorvoller Leichtigkeit zu begegnen. Sonst wird das ja nie was, mit unserer aufgeklärten Gesellschaft.

Bild: Kris Atomic / Unsplash
Text: Mareike Milde

*Unbezahlte Werbung aufgrund Verlinkung von Studien.

One Reply to “Das Wechselmodell – die Haute Couture der Lebensformen?”

  1. Wowww!! Total cool hast du das gemacht. Respekt und Daumen hoch! Super Thema, originell verpackt. Ich liebe diesen Text, musste Tränen lachen bei den Vergleichen mit dem halben Leihkind! Ich bin eine der 5% – aber es fühlt sich ein bisschen mehr an, so mindestens wie 8%, oder? Naja, so wie du schreibst ist es leider und es ist einem am besten damit gedient, Witze darüber zu machen. Alles Gute und schreib weiter so!

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