Die Sache mit der Definition oder: was bin ich eigentlich?

Teilzeit-Mama, Wechselmama, halbe Alleinerziehende = halbe Mama?

Wenn ich mich im Internet umschaue, fällt zum Thema Wechselmodell immer wieder der Begriff Teilzeit. Teilzeit-Mama oder Teilzeit-Papa. Ich mag diesen Begriff. Er klingt nach warmer Präsenz, auch wenn man gerade nicht anwesend ist.

Wie ein verlassener Bürotisch, auf dem noch ein paar To-Do-Zettel liegen, ein abgelegter Kugelschreiber, nur für ein paar Stunden, vielleicht bis zum nächsten Morgen, dann wird die Arbeit wieder aufgenommen.

Teilzeit + Teilzeit = Ganzheit

Teilzeit-Eltern klingt für mich nach einem respektvollen Umgang untereinander. Ein Kontakt auf Augenhöhe und im fairen Miteinander, immer mit Blick auf die Kinder. Und nimmt man eine Teilzeit und addiert eine zweite hinzu, erhält man eine Ganzheit. Das klingt schön.

Ich wäre gern eine Teilzeit-Mama.
Ich bin es aber nicht.
Dieser Begriff passt nicht zu mir. Er ist viel zu groß für mich.

1/2 Alleinerziehend + 1/2 Alleinerziehend = X

Ich bin Halb-Alleinerziehend. Jede zweite Woche. Ich bin ein Teil von zwei halben Alleinerziehenden für unseren Sohn. Addiert man uns, erscheint keine Summe, das Gleichnis geht nicht auf. Die Addition besteht aus unserem Kind, aber hinter dem Gleichzeichen, da steht ein X.

In jeder zweiten Woche bin ich komplett und ausschließlich für den kleinen Moglimann zuständig. Dann bin ich die zentrale und einzige Bezugsperson für unser Kind in allen Lebenslagen.

Manchmal ist mir das zu komplex…

Bei Bekannten spreche ich auf Rückfrage von mir als „Alleinerziehender.. im Wechsel“, weil mir alles andere zu kompliziert ist – und irgendwie auch zu intim.

Und meistens klappt es: „Alleinerziehend..“ bleibt hängen, „..im Wechsel“ wird überhört oder ignoriert, die Kategorien-Schublade schließt sich so schnell wie sie zuvor aufklappte, das Modell der Alleinerziehenden ist immer noch für Frauen bedingungslos gelernt, keine weitere Erklärung nötig. Nun können wir weiterreden, über leichte Dinge wie das wundervolle Kind selbst, Urlaubspläne, berufliche Vorhaben, Erziehungsmethoden und den verbrannten Espresso.

…und manchmal zu intim

Ich möchte nicht mit Bekannten über mein Lebensmodell diskutieren, das schwierige Verhältnis auf Elternebene beleuchten, Position beziehen oder Verständnis generieren. Ich möchte nicht auf diese Thematik beschränkt werden, mein Leben ist so schön und prall und bunt, dieser Fakt ist ein Fragment, ein sehr wesentliches zwar, aber am Ende nur ein Teil vom großen Ganzen, ich bin so vieles mehr und ich mag nicht die langen Blicke und das mitfühlende Nicken von Leuten, die ich nur mit ihrem Instagram Namen kenne. Ich komme allein auf Geburtstagsfeste, habe keinen Druck heimzugehen, aber auch keine Entschuldigung mich früher zu verdrücken. Ich habe keinen Babysitter, der nur bis elf Uhr gebucht ist und auch kein quengelndes Kind an der Hand, das schnell ins Bett muss.

Ich habe gelernt, meine Emotionen am Wechseltag auszuknipsen wie eine Lampe. Und kann so meinem Sohn einen unbeschwerten, frohen Übergang in die Papa Woche ermöglichen. Als halbe Alleinerziehende Mutter gehe ich mit Mogli an der Hand in die Kita, heraus komme ich als Mareike.

Kein Raum für Emotionen, wo es doch nichts nützt.

Mein kühner Plan

Doch ich habe einen Plan: eines Tages werde auch ich Teilzeit-Mama sein.

Irgendwann, wenn das Verständnis wieder dafür da ist, dass der ehemalige Partner nicht böse ist, sondern nur ein Mensch, ein Teil von beiden Elternteilen, die zusammen ein Ganzes ergeben. Zusammen getrennt, mit neuen Partnern, auf einem neuen Level, ohne Sprengfallen in der Kommunikation und vielleicht mit nicht bedingungsloser, aber doch zarter Vertrauensbande. Das ist mein kühner Plan,  und darauf arbeite ich hin.

Und wenn ich dann endlich Teilzeit-Mama bin, dann habe ich sicher wieder das Gefühl eine Rundum-Mama zu sein. Nicht nur zwei Wochen im Monat, sondern jeden Tag. Egal, ob Mogli gerade bei Mama oder bei Papa schläft. Und überall ist dann das warme Gefühl der Präsenz, auch wenn man gerade nicht anwesend ist.

 

Bild: Nikolai Chernichenko / Unsplash

3 Replies to “Die Sache mit der Definition oder: was bin ich eigentlich?”

  1. Liebe Wechselmama, ich bin so froh, dass du diesen Beitrag geschrieben hast! Genau so wie du fühle ich mich auch, nicht ganz und nicht halb. An manchen Tagen denke ich, es macht mich wahnsinnig. Bei uns startet mit Anfang Juni das Wechselmodell, 2 Wochen im Monat bei jedem Elternteil. K1 (9) hat es sich so gewünscht, ich selbst hätte derweil im Boden versinken können, mich aber aus Rücksicht ihr gegenüber und K2 (6) zusammengerissen. Es tut so gut, nicht ganz allein damit zu sein! Du machst den Eindruck, als wäre die schwere Zeit vorüber? Ich würde so gern mehr von deinem Alltag erfahren, mit und ohne Kind(er). Du hast eine treue Leserin gefunden, mach bitte weiter!

  2. Liebe Mareike,

    ich kenne deinen Blog über eine Freundin meiner Freundin, die auf facebook einen Post eines Freundes zu dir gelesen hat – du siehst, es muß manchmal nicht Japan sein, die Wege können auch hier in Deutschland sehr verschlungene Wege gehen..😉 ich war dann sehr neugierig und habe mir einen Blick erlaubt in diesen Artikel – und bin ganz leise geworden in meinem Großraumbüro, weil ich so berührt bin von deinem Text. Ich bin keine Mama, aber dein Stil kommt bei „unmittelbar Betroffenen“ und Leuten wie mir, die nicht so dicht dran sind, gleichermaßen an. Vielen Dank, dass du das mit mir (und dem Rest der Welt) teilst…und das Layout ist wunderschön!

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