Warum das Wechselmodell funktionieren kann

Wie mich mein Sohn vom Wechselmodell überzeugte, obwohl ich zu Beginn dagegen war.

 

Freitag, Beginn der Mama Woche. Nach sieben Tagen Kindfrei ist die Vorfreude groß, ich fliege förmlich die Treppenstufen der Kita hinauf. Meinen Sohn finde ich mit dem Rücken zu mir stehend in der Kinderküche, versonnen rührt er in einer Sandsuppe.

Noch hat er mich nicht bemerkt, dafür aber ein aufgewecktes Vorschulkind. Stolz streckt es mir seinen Finger entgegen: „Der größte Popel für heute!“, um mit der Frage anzuschließen: „Warum warst du die ganze Woche nicht da? Warum war nur der Papa da? Warum kommt Ihr nie zusammen?“

Während ich versuche, freundlich zugewandt seinen Finger zu ignorieren, rührt es in meinem Kopf fieberhaft auf der Suche nach einer betont unaufgeregten, klaren und vor allen Dingen politisch korrekten Antwort, die niemanden brüskiert.

Eine Antwort, die dem kleinen Fragesteller versinnbildlichen soll, dass das, was wir aktuell leben in ein paar Jahren vielleicht ganz normal werden wird, denn Wechselmodelle sind spätestens seit der BGH Gesetzgebung in 2017 auf dem Weg zur gesellschaftlichen Normalität. Und da wir beide, der Vater und ich, unser Kind ja auch wahnsinnig lieb haben und zum Glück auch jeder die Zeit und Flexibilität erübrigen kann und will, die Kindeserziehung jede zweite Woche als Halbzeit Alleinerziehender zu stemmen. Auch wenn wir es definitiv nicht mehr gemeinsam stemmen können, nicht in der Partnerschaft und manchmal auch nicht richtig als Getrennt Lebende.

Zudem wir ohnedies durch versierte Fachleute – nicht ganz freiwillig zwar – überzeugt wurden, dass dieses Modell für unser Kind absolute Vorteile hat, es ja darin ohnehin schon länger zur Probe lebt, wir dem Ganzen auch eine Chance geben wollten und … während ich also in meinem Kopf endlose Rechtfertigungen aneinander kette, die weit weg von einfachen Antworten stranden, erlöst uns nur einen Bruchteil von Sekunden später die gelassene Stimme meines 4-jährigen: “Weil Mama und Papa so viel streiten. Darum gibt es eine Mama-Woche und eine Papa-Woche.“ Der junge Fragesteller sagt: „Achso“ und schlurft davon.

In Momenten wie diesen glaube ich ganz fest daran, dass das Wechselmodell funktionieren kann.

Es ist total ok so wie es ist

Weil nämlich der Hauptakteur des ganzen Umstands mit an Herz gehendem Selbstverständnis sein Lebensmodell als etwas vollkommen natürliches ansieht und dieses nach außen und innen auch lebt, als wäre er nicht das einzige Wechselkind in einer Kita mit 160 Kindern. Er fühlt sich nicht als Einzelfall unter den Normalen. Weil er sich garnicht erst zum Einzelfall macht.

Vielleicht sollten wir mehr auf unsere Kinder schauen, die die Wirklichkeit oft so ungerührt wahrhaftig sehen, wie sie nunmal ist. Die keine politisch geschönte Version der Realität brauchen, um sich selbst Mut zuzusprechen oder gegen das schlechte Gewissen anzureden. Vielleicht sollten wir Erwachsenen die Dinge öfters einfach annehmen wie sie nunmal einfach sind, ohne diesen ganzen Rechtfertigungswahnsinn.

Es ist doch einfach so. Und es ist total ok so.

Das Wechselmodell – zu Beginn für mich ein Alptraum

Zu Beginn unseres Wechselmodells war ich absolut gegen eine solche Vereinbarung. Ich war eine der Mamas, die in sich drin das Gefühl hatte, für Ihr Kind die bessere Wahl zu sein, ihm die Aussicht auf eine chancenreichere Zukunft geben zu können und das kindgerechtere Zuhause zu haben.

Kurzum: ich traute es dem Vater nicht zu.

Ich wünschte mir ein Modell, bei dem ich die unangefochtene Hauptbezugsperson darstellte, Vollzeitjob hin oder her. Ich wollte auf nichts verzichten, ich wollte alles haben, ich wollte die Supermama sein, die jeden Kampf übersteht und dabei alles unter einen Hut bekommt. Alles zum vermeintlichen Wohle des Kindes, natürlich.

Was uns Erwachsenen in diesen endlosen Kämpfen jedoch völlig abging, war genau das, worum es vornehmlich die ganze Zeit ging: das Wohl unseres Kindes. Mit Eintreten des Wechselmodells wurde mir das zum Glück wieder bewusst.

Alle Augen aufs Kind

Die Regel sah vor: 1 Woche Mama, 1 Woche Papa.

Streng nach Protokoll, keine Nebenabsprachen – zumindest solange nicht, bis das Verhältnis zwischen uns Eltern entspannter werden würde. Ich tobte, ich weinte, ich wütete. Und doch war ich ganz tief in mir erleichtert: das Zerren und der Wettkampf ums Kind hatte endlich ein Ende. Jede zweite Woche wurde ich vollumfänglich und guten Gewissens entlastet, nach Jahren voller zermürbender Streitereien durfte endlich der so schmerzlich vermisste Alltag wieder einziehen, es gab Zeit für Freunde und Unternehmungen oder einfach mal die Möglichkeit, einen ganzen Abend die Füße hochzulegen.
Doch viel bemerkenswerter war die Wandlung unseres kleinen Kindes.

In der 2. Wechselwoche hörte das nächtliche Weinen nach dem jeweils abwesenden Elternteil auf.

In der 3. Wechselwoche nahm unser Sohn sein Spielzeug nicht mehr mit zum anderen Elternteil – er konnte darauf vertrauen, dass all diese Dinge auf ihn warten, wenn er sieben Tage später zurück kommt.

Ab der 4. Wechselwoche wuchs in unserem Sohn die unerschütterliche Gewissheit, dass am Tag nach dem Turnen eine neue Elternwoche beginnt. Eine Weile kündigte er dies den Erziehern in der Kita an und tat dies mit einer solch feierlichen Inbrunst, das mir ganz warm ums Herz wurde.

Ab der 5. Woche begann er, völlig unbedarft von seiner Papa Woche zu berichten.

Das Wechselmodell gab unserem Kind endlich den Halt, den wir Eltern ihm durch den Strudel an gegenseitigen Vorwürfen, verbalen Angriffen und emotionalem Fehlverhalten zeitweise nicht mehr geben konnten. Die Tatsache, dass ich mich von den Auswirkungen der Trennung habe so überfahren lassen und zu diesem Zeitpunkt mein Kind nicht mehr Zentrum meines Handelns und Denkens war, macht mir bis heute ein schlechtes Gewissen.

Die Voraussetzungen für das Wechselmodell waren da

Auch wenn der Weg zu einer funktionierenden Elternebene noch sehr weit ist, ist mir bewusst: rein faktisch sind wir für das Wechselmodell prädestiniert.

Unser Kind hatte immer eine enge Bindung zu uns beiden. Nun hat es zwei Kinderzimmer im Radius von 3 km. Es kann dieselben Freunde treffen und besucht dieselbe Turngruppe, egal bei welchem Elternteil es gerade wohnt. Trotzdem ist der räumliche Abstand zwischen den Elternhäusern weit genug, damit Mama und Papa sich nicht oft sehen müssen – ein heilsamer Aspekt für uns alle.

Wenn ich heute reflektiere, war der eigentliche Grund für meine Einstellung die Missgunst, dem Vater Zeit mit seinem Sohn zu gönnen, gepaart mit der Angst, mein Kind könnte eine stärkere Bindung zum anderen Elternteil aufbauen und ich irgendwann hintenüber fallen. Sicher machte mich auch die Aussicht auf die vielen Kompromisse mutlos, die ich mit einem Menschen eingehen sollte, den ich zu diesem Zeitpunkt am liebsten aus meinem Leben streichen wollte.

Das Kind ist okay

Dass mein Kind mit dieser Situation augenscheinlich am besten von uns Dreien zurechtkommt, ist für mich das schönste Geschenk. Als ich ihm neulich die Wohnung zeigte, die einst Papa, Mama und er bewohnten, lachte er: „Ne Mama, du machst ja Quatsch! Papa und du geht doch garnicht.“

Wer weiß, wie die Rückmeldung unseres Sohnes in einigen Jahren sein wird. Vielleicht wird es schmerzhaft. Vielleicht auch ganz tröstlich. Vielleicht kann er damit umgehen, dass die Menschen, die ihn am meisten lieben, für sich selbst keine Liebe mehr übrig haben.

Ich weiß nicht, welche Probleme die Zukunft bringt. Ich habe aufgehört, an morgen zu denken. Es macht mürbe, es macht verrückt, es macht Angst und es lähmt. Heute ist jetzt. Und jetzt ist es gut.

In diesem Moment. Und diesen Moment des Glücks, ich halte ihn ganz, ganz fest – wie jetzt meinen kleinen Sohn. Verzückt grabe ich meine Nase in sein sandverkrusteten Haar und murmele, möglichst unaufgeregt: „Schön, dich zu zu sehen, mein Großer“.

Dann rennen wir ins Wochenende.

Bild (Titel): Scott Webb / Unsplash
Bild (Beitrag): Ember + Ivory / Unsplash
Text: Mareike Milde

2 Replies to “Warum das Wechselmodell funktionieren kann”

  1. Hallo Mareike, ich bin eben über deinen Blog gestolpert, da ich selber auch im Wechselmodell lebe – allerdings von der anderen Seite aus. Ich finde es bemerkenswert wie selbstkritisch und reflektierend du in deinem ersten Beitrag bist! Hut ab!

    Gerne würde ich noch mehr über das Leben einer Mutter im Wechselmodell lesen und die ganzen Gefühlsachterbahnen und Probleme die das auslöst. Danke für deinen Post und viel Glück für euren weiteren Weg! 🙂

    Liebe Grüße,
    Bianca

    1. Liebe Bianca, danke für dein Feedback! Ja, der Weg war ein langer. Und manchmal fühlt es sich so an, als ob man immer noch ganz am Anfang steht. ; ) Eine ewige Entwicklung. Dir alles, alles Liebe und ich freu mich, wenn du dabei bleibst! Herzlichst, Mareike

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