Ein Christkind, Weihnachten und das Wechselmodell

Früher dachte ich, an Weihnachten Geburtstag zu haben wäre das absolute Chaos. Wo mir Weihnachten alleine oft schon zu viel war: zu viel Organisation, zu viel Reiserei, zu viel Erwartungen, zu viel Hetze, zu viel Vorbereitungen auf den letzten Drücker, zu viel Familienklumperei – um schlussendlich zu kaputt für wenige Stunden gemeinsam unterm Weihnachtsbaum zu sitzen. Ein weiteres Highlight in diesen Tagen überforderte schlicht meine Vorstellungskraft.

Als es dann aber so kam, stellte ich fest, dass ein Ehrentag an Weihnachten auch durchaus Gutes hat: es entzerrt diese ganze Gefühlsduselei aufs Wunderbarste. Denn wo ein Kindergeburtstag lauert, da ist kein Platz für übermäßig Melancholie oder Sentimentalität.

Zum Saisonende: das Doppel-Event.

Der Adventskalender ist nun auch ein Countdown bis hin zum Geburtstag. Während andere Kinder ungeduldig auf den Abend hin zappeln, haben wir längst ausgepackt. Und wenn die erste Langeweile am 1. und 2. Weihnachtstag aufkommt, legen wir nochmal richtig los mit den Geschenken. Der Segen des Doppel-Events, er verscheucht jegliches „Zuviel an…“ mit einem herrlich-leichten Zauber.

Am Morgen des Heiligabends ist immer etwas los, niemand vergisst diesen Geburtstag, so ein Datum merkt man sich leicht. Oft kommt es in der ersten Tageshälfte zu Überraschungsbesuchen, Freunde oder Nachbarn bringen Aufmerksamkeiten vorbei, bleiben kurz, die Freude aber lang, schon sind sie wieder fort, es gibt noch viel zu erledigen vor dem großen Fest. Und egal wie sehr es im Gebälk quietscht, den Geburtstag verbringen wir zusammen, wir alle drei. Wir spielen Eisenbahn, trinken Unmengen Café, treiben träge durch den Vormittag und beobachten die Vorbeihastenden in ihren Vorbereitungen.

Wir Eltern reden wieder miteinander. Eigentlich sogar sehr viel. Nicht über wichtige Themen, aber wir reden. Wir können einige Stunden miteinander im gleichen Raum sein, ohne dass die Luft zu knapp wird. Wir können Feste miteinander verbringen, ohne uns übereinander zu ärgern.

Am Nachmittag packen wir zusammen, verlassen das Haus und laufen zum Zug. Der Geburtstag ist nun vorbei, unsere gemeinsame Zeit bald um. Dieses Jahr findet für mich – wie alle zwei Jahre – das übliche Weihnachtsfest statt. Ich fahre zur Familie, das Moglikind bleibt bei Papa, wir wechseln uns ab, jeder ist ja mal dran.

Mein Weihnachten ohne Christkind.

„Nächster Halt: Mama-Zug. Vorsicht am Bahnsteig. Tschüss Mamaaaaaaa!!“ scheppert mein Moglikind über den Bahnsteig. Seine Fröhlichkeit lässt mich lachen. Für ihn sind solche Abschiede völlig normal, dauerhaft ist er nur einen von uns gewohnt, solange ein Elternteil da ist, wird das andere nicht vermisst. Für einige Eltern bestimmt eine schreckliche Vorstellung. Für mich das schönste Geschenk.

Ich hüpfe die Treppen hinunter zum Gleis, das Moglikind tutet mir noch hinterher, und schon will er weiter, zurück zu seinen Geschenken, der Papa winkt einmal kurz. Es ist komisch harmonisch. Ich steige in den Zug und plumpse auf den Sitz. Gleich könnte es ein bisschen weh tun.

Freude steigt in mir auf. Seit Jahren werde ich das jüngste Kind zu Hause sein. Ich freue mich auf langen, ungestörten Schlaf. Ich freue mich auf die Feuerzangenbowle, dieses Jahr dann MIT Alkohol, den prasselnden Kamin, den weiten Ausblick über die hoffentlich verschneite Pferdekoppel, das gute Gefühl, nirgends die Akkus so schnell aufzuladen wie zu Hause. Ich mich sehr auf mein Erwachsenenweihnachten. Um mich danach wieder aufs nächste Jahr zu freuen, auf die blitzenden Kinderaugen, das Dauergeplapper, das ungeduldige Ritsch Ratsch des Geschenkpapiers, die zuckerüberdrehten Trotzanfälle zu später Stunde.

Noch tut nichts weh. Ich schaue aus dem Fenster. Sonnenuntergang.

Eine Spielbilanz zum Jahresende.

Zum Ende dieses Jahres spielen wir also wieder im gleichen Team. Ein Team der Versehrten zwar, mit blauem Auge, Wunde am Kopf, Hinkebein und dicker Armschlinge, aber wir stehen wieder Seite an Seite auf dem Spielfeld unseres Lebens, gemeinsam, und spielen für den gleichen Verein. Einige Spieler sind hinzu gekommen, andere wurden ausgewechselt, die Stamm-Mannschaft aber ist immer noch dieselbe.

Viel länger als 90min halten wir uns auf dem Platz nicht aus, aber für diese 90 Minuten, da haben wir unser Ziel fest im Blick. Den Schreiereien am Spielfeldrand schenken wir nicht mehr viel Beachtung.

Unsere beste Form haben wir noch lange nicht gefunden.

Wir werden noch oft verlieren, es wird immer wieder Probleme geben, in den Absprachen, der Spieltaktik, den Pässen, der Kommunikation, in allem. Aber hin und wieder, da gewinnen wir auch mal. Da hat dann alles gepasst, für 90min. 90 erfolgreiche Minuten sind kurz, außerdem viel zu selten. Aber ab und an gibt es sie. Ich bin dankbar für jede Einzelne.

Rundum-Mama im Zug.

Ich warte weiterhin auf das„plopp“, den kurzen Wehmutsstich, der mich sonst oft nach Abschieden überkommt. Ging er weg, hatte mich auch das Mama-Gefühl verlassen. Heute ploppt nichts. Ich bleibe eine Mama im Zug, auch wenn das (Christ)Kind gerade nicht da ist.

Am Ende war es doch ein recht versöhnliches Jahr. Mit einem sehr schönen Jahresende. Wir haben es uns alle verdient. Frohe Weihnachten.

Bild: Markus Spiske / Unsplash

3 Replies to “Ein Christkind, Weihnachten und das Wechselmodell”

  1. Mareik.eee,

    toll, wie Du deine Gefühle ausdrückst und sie dadurch klarer werden. Dein ’soul-searching‘ berührt, ist ein bisschen Therapie für uns alle und sicher charakterbildend – eben weil es schmerzt. Wenn Du weiter machst, wird auch Mogli lernen, seine Gefühle präzise und artikuliert auszudrücken. Dies erscheint mir der wichtigste Aspekt in der Charakterentwicklung eines Menschen, dann was nützen Freude, was nützt Trauer, was nützten Werte – die Liebe – wenn sie nicht angemessen, lebendig und mit Empathie ausgedrückt und vermittelt wird? Mach weiter und sei eine stolze Wechselmama.
    LCS

  2. Hallo Mareike, ich habe deinen Blog auf Pinterest gefunden und mich betrifft das Thema auch persönlich. Mir gefällt gut, dass du immer wieder die Sicht des Kindes ansprichst, denn oft hängen wir Erwachsenen ja tatsächlich, mehr oder weniger unbewusst, in unseren eigenen Wünschen und Bedürfnissen fest. Ich hoffe, du schreibst noch sehr lange weiter und bin sehr gespannt darauf, dich und dein Leben näher kennen zu lernen! Die Geschichte um das Weihnachtsfest mit einem Geburtstagskind ist eine schöne Sicht der Dinge, eigentlich hat man ja immer Mitleid mit Leuten die am 24. Geburtstag haben. So habe ich es noch nie gesehen! Aber eine Frage habe ich doch, hoffe das ist nicht komisch, aber wo ist der „Eine“ denn über Weihnachten? Ich wünsche dir eine super Rutsch ins neue Jahr und dass all deine Träume in Erfüllung gehen.

    1. Liebe Ines, wow! Du bist aber eine schnelle Leserin, der Post ist doch gerade erst online gegangen! : ) Stimmt, mir hat es auch gefehlt, ein Blog der auch mal die Kindersicht in den Fokus rückt – selbst wenn das nicht immer der Erwartungshaltung von uns Erwachsenen entspricht. Ich finde diese Themen sowieso sehr spannend, was ein Wechselmodell mit der Familiendynamik macht, wie das Kind selbst damit umgeht, welche Vor- und Nachteile das im Alltag hat – andere Personen fungieren dann als Gäste und kommen hin und wieder vor. Wir sehen uns auf Pinterest! Dir ein wundervolles Jahresende und einen guten Start ins neue Jahr! Mareike

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.