Homeoffice Tag Vierhundertsechsundfünfzig

Oder: Woche 3.

Hier sitzen wir nun. Gefühlte Woche dreihundertsechszehn im Lockdown. Tag 456 im Homeoffice. Tag 167,5 ohne Kita.

Tag Unendlich in einem brandneuen, unwirklichen Alltag.

Einem Alltag, in dem das Moglikind erstmals durchgehend bei mir ist. Ungewohnt. Fordernd. Anstrengend. Gänzlich neu mit allem, was noch damit einhergeht.

Die erste Woche war gut.

Es gab so viel zu spielen, so viele Ideen. Eine ganze Woche Mama und den Einen um sich herum, wie ein Urlaub, sagte das Moglikind, es könnte nicht schöner sein. Endlich einmal in Ruhe alles aufbauen und stundenlang bespielen. Kein Druck, ständig an die frische Luft zu müssen.

Die zweite Woche war wechselhaft.

Wir zu lange am Rechner, in Hangouts, am Telefon. Das Moglikind hin und wieder unverständig, ungeduldig, gelangweilt.

Und die dritte Woche wurde … uff.

Ist die dritte Woche überhaupt schon vorbei? Welcher Wochentag ist heute? Auf INSTA lese ich, es sei der 59. März. Ich muss auflachen. Wir sind nicht allein.

Jeder Tag ist irgendwie gleich.

Man wacht verwundert auf, bemerkt die aktuelle Wirklichkeit, versucht sie unter diesem komischen neuen Alltag zu vergessen, und manchmal gelingt das auch.

Bald fließt die Zeit nicht mehr, sie wird lang und geschmacklos wie ein reißfester Kaugummi.

Ich bin angeschlagen, zermürbt und dünnhäutig. Die eigens auferlegte Einsamkeit kommt hinzu.

Komisch, dass sich das so anfühlt, obwohl ich doch früher oft schon und gerne Homeoffice machte – mal mit, mal ohne Kind. Obwohl ich mich gerne abschotte, zum schreiben, zum nachdenken, zum Energie tanken – seit jeher brauche ich dazu meine 4 Wände, den stillen Rückzug. Zum Glück kommt das Moglikind nach mir. Den Einen, der soziale Kontakte atmet und braucht, trifft es deutlich härter. Wir müssen ihn aufmuntern. Trotzdem: für uns alle drei ist es anstrengend.

Dabei fing alles recht zuversichtlich an.

Mogli baute eine riesige Eisenbahn durch die Wohnung. Damit war er die ersten Morgende stundenlang beschäftigt, sehr laut, sehr glücklich. Ich versuche dankbar zu sein: welches Kind spielt schon vier Stunden allein? Ein Segen.

Bald wünsche ich, es könnten sechs Stunden sein. Mittags rennen wir durch den Park, einmal verstecken, bald schon wieder rein, zurück an den Rechner, zurück vor die Spielsachen. Bei der Betreuung übernimmt oft der Eine, er kann sich seine Zeit besser einteilen, während ich viel zu viel Energie benötige für alles, die Konzentration auf den neuen Job, die vielen neuen Abläufe, die neuen Herausforderungen, die Kommunikation in der Fremdsprache. Abends schiele ich und mir ist schlecht. Ohne den Einen und seine selbstlose Übernahme könnte ich das alles derzeit nicht schaffen, das ist mir völlig klar. Nun wird er uns verlassen, in ein paar Tagen schon, beruflich muss er weg, es lässt sich nicht verhindern.

Wie sollen wir das je zu zweit hinkriegen?

Ich telefoniere mit einer Freundin, sie ist alleinerziehend und seit zwei Wochen im Homeoffice. Sie weint, weil sie die Doppelbelastung mit Homeschooling und Arbeit nicht mehr schafft, weil sie kaputt ist, weil sie müde ist, sie sagt, die vielen Kinderfragen schmerzen in ihren Ohren. Ich kann sie fühlen.

Sie sagt, dass es mir noch gut geht. Mit Partner an der Seite, mit einem Garten zum buddeln, mit einem flexiblen Arbeitszeitenmodell. Ich weiß, dass sie recht hat. Dabei bin ich selbst schon jetzt so unendlich futsch.

Wir fragen uns, was mit den vielen Familien ist, die all das nicht haben. Deren Geduld so kurz ist wie die Wohnung klein, die nicht raus noch rein können, die viel zu viele auf viel zu wenigen Quadratmetern sind. Uns wird bang, wir sprechen uns Mut zu, dann schließen wir uns wieder in unseren Welten ein.

Das Moglikind überredet mich zu einer Partie Leiterspiel. Die überaus simple Spielmechanik scheint einen Zauber auf mein Kind auszuüben, der sich mir beim besten Willen nicht erschließt. Schon wenige Abende später bin ich dem Leiterspiel dankbar, weil es mir nicht mehr abverlangt, als meine Spielfigur um die jeweilige Würfelzahl nach vorn zu bewegen. Bald fällt es mir schwer, auf den verschlungenen Spielpfaden die richtige Laufrichtung überhaupt zu erkennen.

Zwei Abende später plädiere ich für „Tempo, kleine Schnecke”, weil das nicht so komplex ist.

Mit den Tagen werde ich immer unkonzentrierter und mein Körper macht Dinge, ohne meinen Kopf vorher zu fragen. In einer Telefonkonferenz mit sehr wichtigen Menschen trage ich meine weiße Seidenbluse. In der Verabschiedung stehen meine Beine schon auf, auf dem Bildschirm erscheint in Übergroß meine fleckig-löchrig-graue Zebraleggins, die ich seit 20 Jahren zu jedem verregneten Sofa-Sonntag trage, sonst gut bedeckt von der wollenden Decke. Hier gibt’s keine Decke, dafür ein paar Lacher zum Abschied, hahaha, ach lasst mich doch.

Überhaupt, diese Videokonferenzen. Kann es eigentlich sein, dass die viel anstrengender sind als jedes normale Meeting der Welt? Man ist präsent, aber doch zu Hause, man wird gefilmt, aber ist doch irgendwie nicht richtig dabei…in einem Endlosmeeting ertappe ich mich dabei, geistesabwesend aus dem Fenster zu starren, den Finger dabei sehr tief in der Nase. In einem anderen Hangout kühle ich mir selbstvergessen mit einem großen Lehmklumpen, den das Moglikind zum Basteln vermisst, die Stirn. Noch ein anderes Mal schalte ich mitten im Call meine Mediationsmusik an, scheinbar habe ich vergessen, dass wir noch im Hier und Jetzt sind – mein Hirn ist schon längst in der Pause.

Die Eltern unter uns erkennt man in den Videochats an den tiefen Augenringen und Wortfindungsschwierigkeiten, falls sie denn mal etwas sagen.

Meistens sagen sie nichts oder antworten sehr zeitverzögert. Alle werden weicher, werden nachlässiger, manche werden auch uncharmanter.

Seit wir zu zweit sind, plumpse ich mit dem Moglikind um acht ins Bett, das Einschlafen gewinne jedes Mal ich. Trotzdem fühle ich mich morgens erschlagen wie nach einer wilden Partynacht aus einem weit entfernten, anderen Leben. Mir wird klar, dass vor allem die Sorgen, die Ungewissheit, der Kummer darüber, wie lang und wie überhaupt das alles hier weitergehen soll, zusätzlich Druck auf uns ausüben.

Es gibt ja kein festes Datum, an dem das alles zu Ende sein wird.

Ich will das nicht mehr. Nicht immer. Nicht ausschließlich. Nicht allumfassend.

Mir ist klar: Mogli und ich werden diese Zeit nur überstehen, wenn wir radikal loslassen, von allem, was unseren Alltag sonst ordnet und Form gibt.

Von Allem, was man „halt so machen muss“, von allem, was einen guten Eindruck erwecken könnte. Und für wen denn überhaupt?

Für uns gilt ab sofort nur noch eine Regel: maximal entspannt und möglichst gut gelaunt durch diese Zeit zu kommen.

Ab sofort wird nicht mehr aufgeräumt, nicht mehr saubergemacht, keine Wäsche gewaschen – und zwar genau solange, wie niemand darauf Lust hat. Das Geschirr kommt nur noch aus der Spülmaschine, unbenutzt bleibt es auf dem Esstisch stehen bis zum nächsten Essen. Mogli wischt nach jedem Zähneputzen durch sein Waschbecken, ich mache das Gleiche mit der Küche – so zögern wir längst möglich das große Putzen hinaus. Das Moglikind bekommt das Festnetztelefon und darf unendlich oft Oma und Opa, Papa und seine Freunde anrufen, egal ob morgens um 7 oder abends um 8. Meine To-Do Liste für den Job umfasst nur noch drei-vier Punkte – und wenn ich die schaffe, feiere ich mich überschwänglich. Zubettgehzeiten werden aufgehoben, wir machen Nachtwanderungen, manchmal bis 22 Uhr, danach schläft es sich besser.

Mogli zieht nur noch das Gleiche an, meine Zebraleggins wird offizieller Bestandteil meines Arbeitsalltags und bald schon Kult. Schokolade und Eis gibt es nach Bedarf, Kinderfernsehen wird geschaut, bis es leer ist, Corona-Nachrichten vor dem Zubettgehen sind verboten. Und wenn nichts mehr hilft, hilft Weißweinschorle.

Nach wenigen Tagen stelle ich fest: mein Hautbild ist deutlich schlechter, muffeln tun wir sicher beide, jedoch: irgendwie sind wir sehr entspannt und in Gänze viel zufriedener als noch ein paar Tage zuvor.

Weitere Tage später ertappe ich mich bei Dingen, die ich normalerweise nie tue, die mich nun aber sehr entspannen: die Steuererklärung 2020 vorbereiten. Filzbuttons unter die Stuhlbeine kleben. Kaffeesatz im Ofen trocknen, damit Blumen düngen. Schuheinlagen wechseln. Ordnerrücken einheitlich bekleben. Brot backen und in der Strasse verteilen. Ausgetrocknete Filzstifte aussortieren. Lampenschirme abstauben.

Leinenservietten bügeln. Bemerken, dass man überhaupt Leinenservietten besitzt.

Und irgendwann, in dieser ganzen Neuordnung, in dieser ganzen Nichtordnung, verstehe ich auch plötzlich wieder das Leiterspiel. Mit viel höherem Konzentrationsaufwand zwar als früher, aber immerhin in die korrekte Spielrichtung.

Haltet durch, wir sind nicht allein. 🧡

Bild: Eckhard Hoehmann I Unsplash
Text: Mareike Milde

3 Replies to “Homeoffice Tag Vierhundertsechsundfünfzig”

  1. So schön geschrieben. Lass los vom Normalen, denn normal ist das ja alles grad nicht und doch so wertvoll. 12 Minuten später zum 9:00 Uhr Call schalten, weil der Morgenkreis halt noch nicht zu Ende war, finde ich ne gute Begründung. Wie ist es mittlerweile so an Tag 658?

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