Alles Zuviel

Jetzt ist es wieder passiert.

Auf meinem Fahrrad hetze ich zum ersten Termin des Tages. Ich bin verspätet, ganz ohne Grund. Ich fühle mich gehetzt, seit Wochen schon. Das Kind ist in der Papa-Woche und ich bin um vier Uhr aufgewacht. Mit klopfendem Herzen und einfach so. Seither habe ich eigentlich nicht viel gemacht, außer den Dingen, die man eben so tut, früh am Morgen, hier noch eine Ladung Wäsche aufgehängt, da schnell zwei Bäder durchgeputzt, den kränkelnden Basilikum umgetopft, eine Strafanzeige für das gestohlene Fahrrad abgeschickt, das Gästebett für den Übernachtungsbesuch frisch bezogen, dem Einen einen schönen Urlaub gewünscht, dem Vorigen Blümchen zur Genesung bestellt, der Freundin einen Geburtstagsgruß aufs Band geträllert, in der Espressopause kurz noch den winzigen Vorplatz gefegt. Und bei all dem habe ich versucht, mir bloß keine Sorgen zu machen, über die vielen Dinge, die ich doch eigentlich noch tun müsste, wenn ich doch endlich einmal die Zeit dazu hätte – die ich aber irgendwie nie habe.

Ach, die Zeit.

Dabei hatte ich es mir beim letzten Mal, als es mir so ging, so fest vorgenommen, ab sofort den heiligen Morgen für die schönen Dinge des Lebens zu nutzen, für eine dauerhafte Morgenroutine, vielleicht mit etwas Yoga, vielleicht ein bisschen Achtsamkeit, vielleicht einer Stunde mit einem Buch. Stattdessen habe ich den Biomülleimer von innen ausgewaschen und jeglichen Glow mit rastloser Geschäftigkeit weggeschrubbt.

Und die ganze Zeit über hatte ich meine Beißschiene im Mund. Bemerken tue ich es erst jetzt. Ja, ich liebe meine Beißschiene, ich kann nicht ohne sie. Viele schmerzlose Morgen habe ich nur ihr zu verdanken. Sie begleitet mich schon durch diverse Lebensabschnitte, durch Auf und Abs, durch verschiedene Phasen und Wirrungen meines Lebens, stets und verlässlich war sie an meiner Seite, sie ist mein perfekter Partner: kratz- und bissfest, genügsam und schmerzvermeidend. Aber sie und ich, unsere Zeit ist nachts. Nicht am Tag, schon garnicht auf meinem Fahrrad, erst recht nicht wenn ich viel zu spät zum Termin hetze.

Wenn die Beißschiene noch im Mund ist, habe ich überhaupt meine Zähne geputzt?

Ich weiß es nicht mehr. Der Gedanke, ich könnte sie beim Zähneputzen im Mund gehabt haben, ohne es zu bemerken, erschrickt mich.

Der Gedanke, ich könnte sie im Mund behalten haben, ohne mir die Zähne zu putzen, erschrickt mich ebenso.

So geht es oft, gerade jetzt, zu dieser Zeit: ich kann mich nicht mehr erinnern, was ich den Tag über gemacht habe. Schaue zum einschlafen auf mein Handy und bin überrascht, wie viele Nachrichten ich geschrieben habe und mit wem. Bin erstaunt, wie viele Punkte ich von meiner To-Do-Liste löschen kann und entsetzt, wie viele neu hinzugekommen sind. Fühle mich wie ein kleines Rädchen im Getriebe, dabei wollte ich doch immer das Getriebe sein, zumindest für mein Leben, frei und selbstbestimmt.

Ich mag diesen Zustand nicht. Ich habe ihn immer mal wieder, schuld daran bin ich ganz alleine. Wenn ich bemerke, dass er kommt, bin ich oft schon nicht mehr fähig, etwas dagegen zu tun. Es muss erst richtig knallen, das Ohr muss fiepen, mir muss schwindeln, der Kopfinhalt ist dann ein einziger Brei, ich bin zittrig, fahrig, alles fühlt sich leer an, ich verstehe die Worte nicht, die man an mich richtet, das Herz klopft viel zu laut und schnell – alles zur selben Zeit.

Da hilft nur Eins.

Ich weiß, was dagegen hilft, sofort und radikal: mich abstöpseln. Raus aus der Online-Welt, aus der ewigen Vernetzung, rein in die Stille.

Doch das ist leichter gesagt als getan, denn: ich habe doch keine Zeit. Nur noch hier der Termin, nur noch dort das Gespräch. Immerhin ist heute Mittwoch, der vorletzte Tag der „freien“ Woche. Meine Arbeitswoche, ganz ohne Kind, da muss ich doch produktiv sein, schließlich muss ich die letzte Woche nach- und die nächste Woche vorarbeiten, da muss ich doch funktionieren, da kann ich doch nicht schlappmachen, da gibt es nunmal keinen Feierabend. Denn in der nächsten Woche, da ist wieder Mama-Woche, und da möchte ich doch möglichst viel für mein Kind da sein, wir haben doch nur die eine Woche, die muss man doch intensiv erleben, wir haben doch auch etwas nachzuholen, er wächst uns so schnell davon. Egal was ich mache, ich will liefern, ich will leisten, ich muss liefern, ich muss leisten, mein Denken ist getaktet in unbarmherzigen 1-Wochen Rhythmen, und wehe, wenn mein Körper, mein Kopf da nicht so mitspielen, wie ich das von Ihnen erwarte, das geht nun wirklich nicht.

Verschämt lasse ich die Beißschiene in meine Tasche gleiten und beschließe, erst einmal eine Zahnbürste zu kaufen. Falls ich es nicht wieder vergesse.

Kann es etwa sein, dass mich das Wechselmodell nicht halb ENTlastet, sondern doppelt BElastet?

Weil ich beide Welten zu mehr als 100% erfüllen will, beide Leben in Eins quetschen möchte, jede Woche aufs Neue? Und somit hoffe, mehr als 200% aus meinem Leben herauspressen zu können, weil ich ja quasi zwei davon habe, einmal die Mama-Woche, einmal die Arbeitswoche, die nunmal sinnvoll ist, die nötig ist, weil ich doch Geld verdienen muss, beruflich etwas auf die Beine stellen will, und verdammt nochmal am Ende des Monats genug Geld eingespielt haben muss, um die Miete zu zahlen? Das Problem ist nur: mehr als 100% geht ja garnicht.

Ich bin doch so glücklich.

Gerade würde ich mich gerne trösten lassen. Von meinen Freunden, die ihr Kind jeden Tag bei sich haben und selbst dauerhaft am Anschlag leben, mit dem Gefühl, Dinge nie zu 100% hinzukriegen. Die sich durch die klaffende Schere der Vereinbarkeit hindurchmanövrierten müssen, immer taumelnd zwischen Familie, Job und Selbstbestimmung, jeden Tag aufs Neue. Ich habe jedoch Angst, sie könnten mich nicht verstehen, immerhin habe ich doch jede zweite Woche Zeit für mich, ich habe doch noch mein altes, freies Leben, da bin ich doch in einem beneidenswerten Zustand. Sag ich sonst ja auch immer.

Sind wir alle drüber?

Meine Freundin Anja sagt, Kinder hin oder her, wir alle sind drüber. Über von Erwartungen an uns selbst, über von dem ganzen To-Do und Selbstoptimierungszwang, über von dem ständigen Display-Checken, über von der vielen Reflexion, über vom „bloß-glücklich-sein, sonst musst du dringend an ein paar Stellschrauben drehen“. Wir sind über von zwanghafter Selbstverwirklichung und den Vergleichen mit anderen und deren Glanzwelt im virtuellen Leben und der Vereinbarkeit aller Themen zu einem glücksschmelzenden Klumpen. Ich bin auch eine davon, Anja. Ich bin drüber. Sowas von.

Gerade fällt es mir schwer, alles in gesundem Maße zu reglementieren. Was meinem Kind spielend gelingt, der Wechsel zwischen beiden Welten, verursacht mir echte Schmerzen.

 Vielleicht sind die Wechsel für das Moglikind leichter, weil sein Leben – trotz aller Erziehungsunterschiede – in jeder Woche konstant ist. In jeder Woche ist er das ersehnte, erwartete Kind, auf das sich der jeweilige Elternteil eine Woche lang vorfreuen konnte.

Vielleicht ist das Wechselmodel manchmal nicht für die Kinder die eigentliche Herausforderung, sondern für die Eltern. Für mich. Eine Woche Mama, eine Woche Workaholic. Vielleicht ist die Sache mit der Vereinbarkeit doch zu groß.

Ich bin eben nicht mehr Fünf. Ich bin 41.

Gerade bin ich zu ratlos, um auf die richtige Lösung für mich zu kommen.

Erstmal werde ich mich nun abstöpseln, zwei Tage lang. Ich werde im viel zu kalten See schwimmen, ein Buch lesen und viel schreiben, sofern die Wörter denn auftauchen vor meinem inneren Auge, sofern je wieder Platz ist in meinem Kopf. Ich werde Ruhe zulassen. Versuchen, Kopf und Herz öffnen. Mich selbst wieder zu hören. Danach wird es mir dann sicher auch bessergehen, meine Finger werden nicht mehr taub sein vom Handysmog, mein Kopf nicht mehr unentwegt rattern, und vielleicht werde ich danach eine nachhaltigere Lösung für mich finden, die besser funktioniert, die besser zu mir passt, auf Dauer. Die etwas Entschleunigung bringt und trotzdem funktioniert. Vielleicht fange ich auch an zu meditieren. Vielleicht lasse ich dann einfach zu, wenn das Basilikum vor meinem Küchenfenster kränkelt, ohne etwas dafür zu tun, morgens um 4.30 Uhr, mit einer Tasse Tee in der Hand und völliger innerer Ruhe. Vielleicht, vielleicht, vielleicht. Vielleicht kaufe ich mir aber auch erstmal eine Zahnbürste. Und danach starte ich einen neuen Versuch. Dieses Leben, Trial-and-Error.

Bild: Paweł Czerwiński I Unsplash
Text: Mareike Milde

7 Replies to “Alles Zuviel”

  1. Ich musste so lachen, dieser Text ist supersuper – oh mein Gott, deine Beißschiene!!! : ))) Ich kenne das so mit den tausend Dingen, die man nur noch schnell machen will, wenn man eigentlich entspannen sollte. . ich glaube einfach, die goldene Morgenroutine ist überstrapaziert und setzt uns viel mehr unter Druck als dass sie gut tut. Lasst uns alle in den viel zu kalten See springen und unsere Sorgen, und auch die Küchenkräuter, einmal vergessen! Weiter so und viel Erfolg, S.

  2. Liebe Wechselmama, kann es sein, dass alle Wechseleltern manchmal diese Gedanken haben? Aber warum traut man sich nicht drüber zu sprechen? Vielen Dank für deinen Beitrag. Ich bin so froh, dass es diese Seite gibt! Alles Liebe, deine Kati.

  3. Ich kann dem nur zustimmen. Als Wechseleltern stellen wir immer wieder fest, dass die „Woche frei“ fast überladener ist als die Kinderwoche, da man irgendwie den Anspruch hat, alles und noch mehr unter einen Fuß zu bekommen. Daher danke für deinen Beitrag. Gruß, Peter aus Augsburg

  4. Also mir raucht der Kopf bei deinen Worten. Ich finde das alles garnicht so leicht. Bei mir ist es so, dass ich im 60/40 Modell mit meinen Kindern (9,4) und dem KV lebe. Die Aufteilung unter der Woche ist so, dass es immer ganze Wochen sind, weil wir gelernt haben, dass es für die Kinder ruhiger ist mit den Wechseln, eine ganze Woche dort zu bleiben. Nur wie verklickert man einem Arbeitgeber (arbeite im mittelständischen Unternehmen in der PR), dass man eine Woche lang da ist und die andere kurz? In meinem Fall kann ich nur auf Teilzeit heruntergehen und immer früher gehen, dann haut es aber mit dem Verdienst nicht mehr hin. Oder ich arbeite komplett Vollzeit und muss eine 2stündige Orga am Nachmittag für die Kinder besorgen. Das fühlt sich schlecht an für mich, alles. Einen anderen Job in der anderen Woche zum Hinzuverdienst zu nehmen funktioniert nicht. Der KV kann die Kinder öfters nehmen und ich nehme die Kinder nur noch in drei Tagen die Woche, aber dann sterbe ich innerlich. Was kann man tun? Ich bin verzweifelt. Und glaube, die Gesellschaft ist noch lange nicht so weit, um eine Vereinbarkeit hinzubekommen mit dem Ganzen. Dein Artikel hat mir leider nicht mehr Mut gemacht. Wenn es auch tröstlich ist, dass es anderen genauso geht. Alles Liebe für dich, für das Moglikind und schreib bitte wieder öfters! xx Chrissy

  5. Liebe Wechselmama, ich feiere dich für diesen Beitrag, vielen, vielen Dank! Das allgemeine Denken ist doch schon noch, dass wir Eltern im Wechselmodell mehr Zeit für uns haben und auch wenn es theoretisch so sein sollte, haben wir das Eltern-Gen mit allen Sorgen, Ängsten, To-Dos ja trotzdem im Kopf! Zusätzlich dazu dann noch das Wissen, das man den VollzeitEltern oder Alleinerziehenden nicht sagen kann, dass es einen auch stresst, vielleicht ja auch noch die Kommunikation mit dem anderen Elternteil, weil man ja irgendwie nur hälftig belastet ist. Eltern sind Eltern, egal ob halb oder ganz oder biologisch oder adoptiert, sobald das Gefühl dieses transportiert sind wir in der emotionalen Zwickmühle gefangen. Schön, dass du es so auf den Punkt gebracht hast!!!

  6. Du schreibst so wunderbar, beim lesen wurde ich ganz atemlos! Diese verdammte Hektik, dieses Gefühl des Getriebenseins, ich hasse es und es geht mir in regelmässigen Abständen genauso. Du hast recht, vielleicht tendieren wir Frauen dazu, die möglichen Pausen oder Auszeiten extra voll zu stopfen, um immer perfekt „abliefern“ zu können? Hat mich auf jeden Fall zum nachdenken gebracht. Alles Liebe, Stefanie

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