Diversitäre Erziehungsstile im Wechselmodell

Oder: können wir unseren Kindern nicht einfach mehr zumuten?

Kürzlich las ich von einer Entscheidung des Landesgerichts Stuttgart, mit der ein früheres Urteil zur Wechselmodellanordnung bekräftigt wurde. Es besagte, dass ein unterschiedlicher Erziehungsstil beider Eltern nicht hinderlich oder gesundheitsschädigend für die Kinder sein muss.

Die in diesem Gerichtsurteil klagende Mutter hatte angeführt, dass ihre etwa 7-jährigen Zwillinge durch die verschiedenen Erziehungsstile der Eltern hin- und hergerissen seien und neben Unsicherheit auch unglücklich würden, weil sie mit jedem Wechsel unterschiedliche Beziehungsmuster leben müssten.

Das Gericht beschloss, dass es beim Wechselmodell bleiben kann, nicht, weil die Unterschiede der Erziehung in diesem Fall als geringfügig eingestuft wurden, sondern weil Kindern schon früh in der Lage sind, „…solche Unterschiede zu „ertragen“, sie zur Erweiterung ihrer eigenen Erfahrungen nutzbar zu machen und als selbstverständlichen Ausdruck der unterschiedlichen Persönlichkeiten von Vater und Mutter zu begreifen.“

Ich kenne die Familie nicht, ich kenne nur die dürre Urteilsverkündung.

Trotzdem kann ich die Mutter verstehen. Ihre Beweggründe. Ihre Ängste. Ihre Sorgen. Ihre Begründung. Ihre Wünsche und die Hilflosigkeit, die sich hinter der Klage versteckt haben müssen.

Meist kannten die Kinder Ihre Eltern schon vor der Trennung.

Wenn sich zwei Menschen trennen, können sie sich oft nicht mehr vorstellen, sich jemals nahe gewesen zu sein. Mitunter erkennen sie sich nicht wieder und denken, sie haben sich nie wirklich kennengelernt. Welch schreckliches Gefühl, dem Menschen, dem man einmal vertraut hat, nun alles (negative) der Welt zutrauen zu müssen.

Aber was viele Eltern im Streit um die Kinder – oder besser gesagt: im Streit um Ihre eigene Würde und den verletzten Stolz – nicht erkennen können: für die Kinder ist der andere Elternteil nicht „neu“ und kein Fremder. Und meist auch niemand, der sie selbst enttäuscht hat.

Meist wurden schon vor der Trennung diverse Erziehungsstile praktiziert

Auch mein Kind lebt in zwei Welten. Jede Woche aufs Neue. Auf der einen Seite ist da unsere leicht chaotische, deutsche Familie, bei uns ist immer alles in Bewegung. In unserer Woche gibt es Regeln, aber nur eine Handvoll. Genauso viele Regeln, wie wir konsequent anwenden können. Keine, wirklich keine einzige mehr.

In der Papa-Woche switcht unser Kind in ein anderes Benehmen, in eine andere Wertewelt. Er ist ernster, verantwortungsvoller. Er hat eine Reihe Pflichten, wie es in der Kultur seines Papa-Zuhauses in der Kindeserziehung üblich ist.

Ich mag die Papa-Kultur. Ich merke, dass es dem Moglikind guttut, Aufgaben zu übernehmen und Verantwortung zu erhalten, die seinem Alter entsprechend definiert sind. Es macht ihn stärker, macht ihn stolz.

Trotzdem ist es dann auch okay, wenn er in der Mamawoche keine Lust hat, diese Werte zu leben. Mama ist eben nicht Papa. Und Papa nicht Mama. Nur Mogli ist immer Mogli.

Aber ist das in klassischen Familienmodellen denn wirklich so anders?

In meinem Umfeld gibt es nahezu bei allen Eltern einen strengeren und einen lässigeren Part. Meist sind es immer noch die Frauen, die den Männern nicht zutrauen, mit den Kindern alleine klar zu kommen. Oft haben sie ein massiv schlechtes Gewissen, beruflich zu verreisen oder ein Wochenende mit Freunden verbringen. Sie machen sich dann im Vorfeld wahnsinnig viele Gedanken, kochen vor, schreiben Listen, tätigen Kontrollanrufe, um zu unterstützen. Und oft kommen sie wieder und sind fast überrascht, weil alle überlebt haben. Komisch, dass das immer noch öfters eine Sorge der Frauen ist. Vielleicht ist es aber auch nur in meinem Umfeld so.

Doch ist es nicht total normal, dass wir uns in Beziehungen so oft einen Gegenpart zu uns selbst suchen? Mit der Zeit gleicht man sich vielleicht an, mit der Zeit kristallisieren sich die unterschiedlichen Gegensätze heraus. Und wenn es zumindest zeitweise in der Beziehung okay war, warum sollte es plötzlich schädlich werden, sobald man sich trennt?

Wie ist das denn sonst so?

In meiner Kindheit verbrachte ich einige Sommerferien in dem Haus mit riesigem Garten meiner Großmutter. Sie war, wie gesagt, keine Oma, sie war eine Großmutter, eine Grande Dame. Sie war es gewohnt, zu delegieren und Kommandos zu geben. Auf dem Hof, den sie später bewirtete, wurde sie nur „Die Generalin“ genannt. Wahrscheinlich war dies in den Kriegswirren aus der Not heraus geboren, denn wer sich zu Fuß von Schlesien nach Dortmund durchschlagen muss und mehrfach umgesiedelt wird, in einem zerbombten Land, wo man nicht mit offenen Armen empfangen wird, immer drei hungrige Kindern an der Hand, der hatte oft keine Möglichkeit, einfühlsam und weich zu bleiben.

Auch wir Kinder hatten großen Respekt vor ihr und waren stets bemüht, nicht bei Ihr in Ungnade zu fallen. Wir buhlten um Ihre steinerne Wärme. Wir liebten sie sehr.

Machten sich unsere Eltern damals Gedanken, wir könnten den Switch von unserem lockeren Alltag auf diesen militärischen Sommerurlaub nicht verkraften? Mitnichten. Hatten wir Kinder Probleme damit, die Tage mit Großmutter zu verbringen und abends Streit mit unseren Eltern anzufangen, weil wir noch lange nicht ins Bett wollten? Auch mitnichten. Die wenigen Sommerurlaube, die uns mit ihr vergönnt waren, gehören zu den Highlights meiner Kindheit.

Der Eine hat sehr unterschiedliche Eltern. Die Mutter ist sachliche Analytikerin, der Vater emotionaler Herzensmensch. Wenn man sie kennenlernt, kann man sich zuerst nicht vorstellen, dass das funktioniert kann, doch das tut es. Mittlerweile seit mehr als 45 Jahren. Und alle vier Kinder sind wohlgeraten. Die Eltern übrigens auch. Allem Anschein nach kann es gut funktionieren, trotz der Unterschiedlichkeiten im Charakter und definitiv auch im Erziehungsstil.

In der Kita hat Mogli drei Lieblingserzieher. Bei der einen Erzieherin liest und lernt er viel, über Zugmotoren, Vulkangesteinsschichten, Kontinentalverschiebung, Klimaerwärmung oder natürlich über verschiedene Baggertypen. Dort verbringt er meist die Morgende. Mittags wechselt er zu einer jüngeren Erzieherin, bei der er viel malt, bastelt und die schönsten Dinge baut. Und nachmittags sucht er die Nähe des dritten Erziehers, bei dem er tobt und turnt und sich völlig verausgabt, bevor ich ihn völlig verschwitzt, dreckig und glücklich am Nachmittag abhole. Mogli liebt alle drei Erzieher, und von allen holt er sich das, was er braucht.

Zusammen gerechnet hat mein Kind sieben bis neun erwachsene Bezugspersonen, die allesamt sehr unterschiedlich sind und viel Einfluss auf ihn haben. Ich mache mir in diesem Moment keine Sorgen, er bekäme einen Schaden von soviel diversen Erziehungsstilen, ich bin eher froh über die vielen Eindrücke, die er vermittelt bekommt.

Um Kinder zu erziehen, braucht es ein ganzes Dorf.

Dieses altbekannte afrikanische Sprichwort habe ich nie so recht für mich annehmen wollen, in der Zeit, als ich noch alleine war und dachte, es gibt nur mich. Dabei bezieht es sich vielleicht garnicht so sehr auf eine zeitliche Entlastung für die Eltern, sondern eher auf die verschiedenen Einflüsse, die Werte und Normen, die die Kinder dadurch erfahren und so auch kennenlernen. Mitunter nennt man das dann Sozialkompatibilität.

Können wir unseren Kindern manchmal einfach mehr zutrauen?

Ist es nicht an der Zeit, unseren Kindern mehr zuzutrauen?

Solange eine Erziehung ohne psychische und physische Gewalt funktioniert, solange die äußeren Bedingungen wie Schule, Kita, Umfeld halbwegs konstant sind, solange können wir uns das Leben doch etwas einfacher machen.

Ich denke, die Angst, dass der (Ex-) Partner Dinge nicht richtig kann ist eher die Angst in uns selbst, die Kontrolle zu verlieren. Darüber, dass das Kind uns nicht mehr liebt, wenn wir fort sind, oder dass es uns vergisst, wenn es beim anderen Elternteil ist. Eigentlich ist es die Suche nach Anerkennung für unser Tun und Lassen, für unseren Verzicht und die Opfer, der Wunsch, von unseren Kindern gesehen und geschätzt zu werden, und das ist doch, gelinde gesagt, ziemlicher Quatsch.

Genau diese Kontrolle einfach mal abzugeben, kann manchmal ungemein entlasten. In der einen Woche ist man selbst der Beschützer, Tröster, Verantworter, Retter, Freund, Buhmann und Bad Cop – alles auf einmal. Und in der anderen Woche darf diese Rolle bitteschön derjenige übernehmen, der zu gleichen Teilen an diesem Kind beteiligt war. Das ist doch irgendwie – bei aller Angst – auch herrlich entlastend. Muten wir es Ihnen doch zu, den anderen Elternteilen. Schauen wir es uns ab von unseren Kindern, die können es ja schon so spielend leicht.

Bild: Markus Spiske / Unsplash
Text: Mareike Milde

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.