Ist da vielleicht irgendjemand?

Von schwachen Momenten in langen Nächten.

Und manchmal trifft es mich doch.

Seit Längerem geht es schon so, die Stimmung hat sich wohl aufgestaut, über Tage, Wochen, vielleicht auch Monate, jedenfalls ist aktuell die Laune auf der anderen Seite des Handys mehr als schlecht.

Meist kann ich damit umgehen, es spielend übergehen, aus einer Botschaft die Fakten herausklauben und sachlich antworten, unpassende Worte werden weggewischt, wie ein lästiges Pop-Up. Manchmal kann ich sogar schmunzeln, wenn die Themenauswahl zu absurd erscheint, eigentlich gelingt mir das ganz gut, eigentlich habe ich das gelernt.

Und manchmal gelingt einfach nichts.

Doch irgendwann, da trifft es mich doch. Da kann ich es nicht mehr versachlichen, ignorieren oder wegwischen. Die geballte Wucht der Worte trifft auf meine schwächste Stelle, und diese Stelle, sie ist genau jetzt offen für diesen Angriff. Vielleicht war es ein Vorwurf zu viel, vielleicht wurden Dinge zu oft gesagt. Vielleicht bin ich im Moment angreifbar, vielleicht beschäftigen mich derweil andere Probleme. Vielleicht hat mich die drohende Erkältung mürbe gemacht, die seit Wochen auf ihren Ausbruch lauert.

Du bist keine Super-Mama. Du bist nicht super. Du bist keine gute Mama. 

Und es stimmt: ich bin keine Super-Mama.

Hinter meiner unbekümmerten Art, der Zuversicht, der guten Laune und all dem Tatendrang, da versteckt sie sich, die zweifelnde, verzagte, klitzekleine Mama.

Manchmal traut sie sich raus aus ihrem Versteck, so wie jetzt. Dann ist sie da, und wenn sie wieder nicht aufpasst, dann wird sie voll erwischt. Der  Schuss trifft mitten ins Herz, und es tut weh.

Und dann wünscht man sich so sehr, dass einen einfach jemand in den Arm nimmt und behutsam erklärt, dass man nicht schuld daran ist, an gar nichts. Dass man jederzeit sein Bestes gibt, auf seine Art, immer wieder von vorn. Man wünscht sich jemanden, der einen ohne viel Pathos und mit liebevoller Geduld daran erinnert, wie großartig man ist und was man alles schon gemeistert hat. Man möchte einfach nur getröstet werden, ohne dass der Tröstende in Mitleid versinkt und schlussendlich selbst getröstet werden muss.

Man wünscht sich echtes Mitgefühl, für einen Augenblick, nein, besser, einen langen Augenblick, um daraus neue Kraft zu sammeln. Genau die Kraft, die man sonst versucht anderen zu geben, möchte man jetzt von jemand anderem bekommen, man möchte hören, dass man alles genau so richtigmacht wie man es macht und, na klar, eine Super-Gute-Mama ist.

Vor allen Dingen wünscht man sich jemanden, der einen tröstet, ohne diese Scheiss-Vorwürfe groß zu hinterfragen oder analysieren zu wollen. Der die Situation versteht, der auf das Beste in Einem vertraut, der sich dabei ganz sicher ist, ohne den anderen Elternteil dabei abzuwerten.

Ich überlege, wer mich jetzt wohl in den Arm nehmen kann, mitten in der Nacht, mitten in der Woche. Die Menschen, die ich gern anrufen würde, haben ihr Handy aus. Oder sie würden vor Schreck aus dem Bett fallen, weil sie denken, dass etwas wirklich, wirklich Schlimmes passiert ist. Etwas, dass nicht bis zum Morgen warten kann.

Und es ist ja nicht wirklich schlimm. Und es ist wirklich schlimm.

Ist da vielleicht irgendjemand?

Mein Kind – wie viele andere Kita-Kinder auch – wird hin und wieder krank. Das passiert im Frühling, Sommer, Herbst und Winter, zu jeder Jahreszeit laufen Nasen, leuchten Wangen, bellt der Husten, verkleben die Äuglein. Mich nervt das auch, mir tut das leid. Aber es gehört dazu bei Kindern, es passiert, wir können achtgeben, doch verhindern können wir es kaum. Mal ist es öfters in der Mamawoche, mal mehr in der Papawoche, mal in beiden Wochen, mal in keiner. Aber extra macht das niemand, das wäre doch absurd. Soviel zum Teamgedanken.

Es klatscht. Auf dem Weg vor der Haustür liegt etwas, was dort nicht hingehört. Es ist schwarz und rund und kam von oben. Eine Sonnenbrille? Ich muss lachen.

Manchmal ist es okay, wenn keiner da ist, um dich in den Arm zu nehmen.

Manchmal reicht zum Trost das Wurfgeschoss eines Kleinkindes aus der hell erleuchteten Nachbarswohnung, um dich daran zu erinnern, dass man nicht ganz allein ist. Irgendwie hat doch jeder sein eigenes Drama. Die einen Dramen sind lustiger, die anderen trauriger, die einen größer, die anderen kleiner, manchmal bleiben sie für immer, und oft verändern sie sich auch.

Aber sicher kennen alle Eltern das Gefühl, ganz und gar keine Super-Eltern zu sein, nicht immer alles richtig zu machen, nicht immer ihre Kinder schützen zu können, vor Viren, Bazillen, oder Dingen, die kaputtgehen, wenn sie aus dem Fenster fliegen. Das Wissen darum tut gut, in diesem Moment, an diesem kalten Februarmorgen um 3 Uhr 20.

Bild: Jeremy Bishop / Unsplash

7 Replies to “Ist da vielleicht irgendjemand?”

  1. Meine liebe Meiki,
    Sooo schön geschrieben ❤️ doch wer bezeichnet sich schon selbst als Super-Mama? Die Mama die ihr Kind nie mit Schnupfen ins Schwimmbad lässt oder die Mama, die am liebsten auch die Freundin der Kinderfreunde ist?
    Ich bin’s jedenfalls auch nicht. Wir lieben die Jungs und das ist das wichtigste.
    Jeder muss mal traurig sein um sich dann wieder freuen zu können, selbst Kinder.
    Und wenn ich mein Telefon nachts um drei höhre, geh ich auch ran.

  2. „…ohne den anderen Elternteil dabei abzuwerten“ .. Du sprichst mir aus der Seele, liebe Mareike.

    Ich hoffe, Du konntest so einen Tröster finden, auch wenn Du es in dieser Nacht dann nicht mehr brauchtest. Ich les Dich sooo gerne hier!

  3. OMG. Das ist der beste Artikel zum Thema Alleinsein, den ich je gelesen habe! Ich denke, dieses Gefühl des Alleinseins und der Unsicherheiten kennen viele, egal ob Eltern, Single oder Pflegekraft, diese langen Nächte in denen man sich wie der letzte Mensch auf Erden fühlt. Habe mich sofort darin wiedergefunden. Danke Mareike. Du triffst die Sache auf den Punkt! Herzlichst, die Birte.

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