Geliebte Freundin

Oder: Macht das Internet Freundschaften kaputt?

Nach längerer Zeit sehen wir uns endlich wieder. Nur du und ich, das gab es so nicht mehr, seitdem die Kinder da sind. Wir wollen bis in den Morgen tanzen, bis in den Nachmittag schlafen und ausgiebig Wellness machen. Wir sind nicht mehr so enge, jedoch sind wir lange; seit dem Studium kennen wir uns schon, seit Jahren halten wir Kontakt. Nun endlich dieses Wochenende, bestimmt wird es richtig schön.

Das Wiedersehen verläuft tränenreich, du hast in der Bahn Zeit gehabt, meinen Blog zu lesen.

Du sagst du bist nun uptodate, jetzt weißt du Bescheid über mich.

Bei der Umarmung murmelst du mir ins Ohr, du hättest das alles an meiner Stelle nicht überlebt. Du sagst, kein Mensch möchte mit meinem Leben tauschen, auch wenn du dich – ich soll´s für mich behalten – ganz heimlich freust auf die Zeit ohne Kinder. Ich weiß nicht recht, wovon du sprichst, aber jetzt freue ich mich erstmal darauf, mit dir das Wochenende zu verbringen.

Zuhause wuppst du den Alltag mit deinen Zwillingen allein, dein Mann arbeitet für seine Selbstständigkeit, noch tut sich nichts, doch der Weg ist richtig, ihr seid Euch sehr sicher, das wird schon noch klappen, bis dahin finanzierst du Euch mit deinem Teilzeitjob durch, seit 7 Jahren schon.

Deine Arbeit erfüllt dich nicht, lachst du, aber sie ist praktisch und liegt direkt neben der Kita.

So rennst du nur 5min rüber, bevor die Kita schließt, dein Mann kann das nicht übernehmen, er muss sich ja auf seine Selbstständigkeit konzentrieren. Also schmeißt du noch nebenbei den Haushalt und die Wäsche, kochst für alle am Abend warm, der Mann in seinem Homeoffice hat sicherlich Hunger, er konnte mittags ja nichts essen. Ich frage dich, wie es dir damit geht, du winkst nur ab, ein bisschen müde bist du, aber das ist normal in einer normalen Familie, da unterstützt man sich doch, da müssen alle Opfer bringen, ich kann das sicher nicht verstehen.

Du siehst kaputt aus, dein Leuchten von früher ist weg. Dein Wunsch für heute ist nicht mehr tanzen, du möchtest direkt ins Bett.

Zuvor möchtest du mir noch erzählen, von mir und meinem Leben. Deine Meinung von mir, deine Meinung über mein unstetes, mobiles Leben, du hast sie dir aus den letzten drei Blogbeiträgen zusammengezimmert, für mehr war keine Zeit, dann bist du eingeschlafen.

Ich wünschte, du hättest direkt geschlafen.

Ich frage dich wieder, wie es dir geht, ob du glücklich bist, ob du Träume hast, ob du dir manchmal etwas Gutes tust. Mit meinen Fingerspitzen fahre ich deine Augenringe, die Fältchen um deinen Mund und deine hervorstehenden Wangenknochen nach. Du weinst wieder.

Du bestellst nochmal nach, du isst meinen Rest, du bist so hungrig, du sagst du kommst ja nie zum Essen, so ist das in normalen Familien nun mal. Dazwischen redest du weiter, leider nur von mir, über deine Version meines Lebens, dass ich dir so sehr leid tue, du sagst, du wärst gerne dagewesen in der Zeit, ich frage dich, ob du nicht einfach jetzt mit mir sein möchtest. Ich würde gerne über dich sprechen, dir von mir erzählen, aber die Gegenwart, die lässt du nicht zu.

Ich komme nicht rein in deinen Kopf, dein Herz ist irgendwie zu.

Du sagst, irgendetwas scheint schief gelaufen zu sein bei mir, weil es nicht läuft, „wie man sich das eigentlich wünscht – für sich und für jedermann“. Du sagst, mein Leben ist nicht frei, denn ich bin ja an die Wechsel gebunden und muss Freitags immer in der Stadt sein. Du erzählst mir von der Schwierigkeit, das erste Mal im Jahr ohne Kinder rausgekommen zu sein, dein Mann passt auf die Kinder auf, du findest das toll, das er auch mal übernimmt. So ist das in normalen Beziehungen, ich verstehe das sicher nicht.

Ich glaube, ich verstehe so einiges nicht.

Du bist keine zwei Stunden da und ich frage mich, wann das Wochenende endlich rum ist.

Du sprichst unermüdlich weiter, du scheinst dich richtig zu berauschen, an meinem Dasein, meinem Leben, irgendwas liegt da gewaltig quer, ich weiß nur nicht bei wem.

Du betrittst meine Wohnung und sagst: „Na immerhin“. Du quasselst am laufenden Kilometer, es hört einfach nicht auf, mein bedauernswertes Leben scheint nicht nur ganz schön unerträglich, es scheint auch unerträglich lang, ich weiß nicht was hier gerade passiert, du seierst mich regelrecht zu, deine Worte spülen in einem Fluß über mich hinweg, ein monotones Monologisieren, es ist kaum zu ertragen, ich finde mich auch nicht in dieser Person wieder, ich stehe auf und beginne zu … spülen.

„Wie sauber du die Spüle putzt, dazu hätte ich nie die Ruhe,“ raunt mir meine Freundin andächtig ins Ohr. Es ist die erste Aussage, der ich zustimmen kann.

Am nächsten Tag bist du besorgt, du hattest eine schlechte Nacht, der Mann ist ja komplett allein, die Kinder vermissen dich sicherlich sehr, wie soll er das auch alles schaffen, er schafft es ja sonst auch nicht. Außer einer kurzen Nachricht zur Nacht kam noch nichts, du bist nervös. Ich frage: „Aber ihr habt doch gestern Abend gesprochen, was soll denn passiert sein?“

Du sagst: „Für mich ist es einfach schwer, meine Kinder wegzugeben, so wie du das getan hast, ich liebe sie einfach viel zu sehr. “

Ich frage mich, wo all die Liebe hin ist, seitdem du da bist.

Du sagst, du bist außer dir vor Sorge um Mann und Kinder, und ob ich denke, dass du besser fahren solltest, ich kann das sicher nicht so verstehen. Vielleicht verstehe ich das nicht. Ich verstehe aber, dass du hier fehl am Platz bist.

Ein kleiner Kuss, eine lange Umklammerung, dann stehe ich auf der Strasse und sehe dir ratlos nach, wie du mit wehendem Haar und stechendem Schritt davonläufst.

Ich trotte zurück in meine Wohnung und schreddere mir mit meiner Espressomaschine einen riesigen Milchcafe mit Kakaozimtkrone.

Ich weiß garnicht, wann das angefangen hat bei uns. Dass man sich nicht mehr Dinge fragt, sondern dem anderen ungefragt dessen Leben erklärt.

Können 15.000 Zeichen den Eindruck der letzten 20 Jahre überschreiben wie ein Textprogramm die Vorversion?

Zählt der Eindruck, die vielen Erlebnisse und Erfahrungen dahinter nicht mehr, weil Emotionen nicht lesbar sind wie schwarze Zeichen auf weißem Hintergrund? Hört man auf, durch die Dinge hindurchzusehen und sie als Teil eines Ganzen wahrzunehmen, wenn man im Netz eine Seite einer Person erlebt?

Und wieso tun das weder meine anderen Freunde noch die Leser, aber du? Wo ordne ich dich überhaupt noch ein? Erstmal ordne ich dich weg. Aus meinen Gedanken, aus diesem putzigen Wochenende, aus meinem Sinn.

Dann rufe ich den Einen an und sage ihm, wie schön ich unsere respektvolle, eigenständige und unterstützende Beziehung finde. Den Rest des Tages verkrümele ich mich mit Zeitschriften und einem Buch in die Sauna. Und freue mich unbändig über diese wunderbare Stille.

Geliebte Freundin, eigentlich wollte ich ein schönes Wochenende mit dir. Jetzt weiß ich, so richtig schön ist es erst seitdem du weg bist.

Bild: Adrian Dascal I Unsplash
Text: Mareike Milde

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