Als ich ging

Ein ganz normaler Abend, eine ganz normale Mama-Woche.

Nach der Kita waren wir auf dem Skateplatz, nun sind wir zu Hause, das Moglikind pampt schmatzend in seinen Butterspaghetti herum. Auf Ursachenforschung für den modrigen Gestank aus der Küche hänge ich derweil unterm Spülschrank.

“Mama, warum bist du damals weggegangen? Waren dir die Arbeit und der Eine wichtiger als ich?“

Rumms.

Der muffige Geruch, er kommt nicht mehr nur aus der Spüle. Er weht mitten durchs Zimmer, mit diesen vergifteten, verfaulten Worten, von diesem unschuldigen Kind. Das Ganze trifft mich völlig unerwartet, ich erstarre in meinem Schrankversteck. Wie kann das sein, nach all den Jahren, denkt mein Kind etwa so…fühlt es so?

Ich linse zu ihm herüber. Das Moglikind guckt neugierig und offen in meine Richtung, dann wendet es sich wieder seinem Abendessen zu. Ich frage, ob ich ihn richtig verstanden habe, ob er es wiederholen könnte, er wiederholt es, und dann war es also wirklich so. Mir wird schwarz vor Augen, mein Kopf dröhnt.

Als ich ging.

Als ich ging, war Sommer. Seit Ewigkeiten liefen die Streitigkeiten auf Hochtouren, vor dem Kind, um das Kind, wegen dem Kind, tagsüber, nachts, vis-á-vis, am Telefon, über Messenger.
Wir konnten uns nicht ertragen, wir konnten uns nicht vertragen, wir konnten uns nicht aushalten, wir konnten es nicht aushalten.
Keiner wollte gehen, keiner wollte loslassen, nicht wegen uns, sondern wegen der Sache, es war ein Machtkampf, ein Wettkampf, es ging um so viel, es ging um Alles, es gab kein Zurück.

Am Tag, an dem ich ging, saß ich am Küchentisch und aß Butterspaghetti.
Das Moglikind spielte selbstvergessen zu meinen Füßen, da öffnete sich lautlos die Tür und wir waren zu dritt.

Es ist schwer anzunehmen, ob unser Kind das bewusst bemerkte. Mit dem Rücken zum Zimmer sitzend, fing es zuerst leise an zu wimmern, wurde dann rasch lauter, aus seinem Weinen wurde ein brüllendes Geschrei, obwohl doch gar nichts passiert war, obwohl es augenscheinlich keinen Grund gab, es gab ja noch nicht mal was zu sehen. Und doch war es schrecklich auszuhalten, diese unerträgliche Spannung, wenn wir alle zusammen in einem Raum waren, und das zeigte unser Kind nun mit seinem Schreien, und endlich, jetzt endlich machte es in mir Klick.

Nach so vielen Tagen, Wochen, Monaten, so viel unerträglicher Zeit der Anspannung und des Festhaltens, am Ego, am Besitz, an der Würde und am Recht, wurde mir hier bewusst, dass das alles Tinnef ist, haltloser Quatsch, kompletter Murks, dass es einfach nur wichtig ist, unserem Kind eine unbeschwerte Kindheit zu schenken, sorglos und frei, ohne kämpfende, krampfende Eltern um sich herum.
Ohne Eltern, die ihr Kind so wahnsinnig lieben, dass sie garnicht merken, wie es beim Zerren um ihre Gunst zerreißt.

Ich ließ los. Und ging.

Ich stand auf, ein letztes Mal streichelte ich dir über deinen winzigen Rücken, ein letztes Mal küsste ich dich auf dein Köpfchen, ein letztes Mal roch ich an deiner zarten Babyhaut, dann überließ ich dich den Armen deines Vaters, ich drehte mich um und ging aus der Wohnung, bedächtig zog ich die Tür hinter mir zu, hinter all diesen Monaten voller Zorn, übler Vorwürfe und Streit. Ich wusste nicht, was als nächstes kommt, ich wusste nicht ob überhaupt etwas kommt, was ich aber sicher wusste: an diesen einen Moment werde ich mich immer erinnern.

Mit weichen Knien und holprigen Schritten stakste ich das Treppenhaus herunter, öffnete die Haustür und trat auf die sonnendurchflutete Straße, die Hitze knallte mir ins Gesicht, doch mein Gesicht war längst schon heiß und nass und voller Tränen, jetzt riss mein Körper auseinander und fing an zu bluten, aus allen erdenklichen Wunden, vor blutigen Tränen konnte ich nichts mehr sehen, das Blut rauschte in meinen Ohren, ich konnte nichts mehr hören, alles war dumpf wie unter einer großen Taucherglocke, ich taumelte wie in einem Traum, einem entsetzlichen Alptraum, gefühllos und bald schon blutleer und voll unerträglicher Schmerzen, wie sollte es nur weitergehen, wo sollte ich nur hin?

Die Anderen.

„Warum haben sie ihm das Kind denn nicht aus den Händen gerissen?“ fragt mich die Dame vom Jugendamt später.
„Wenn du immer nur arbeitest, scheint dir das Kind ja nicht wichtig zu sein,“ kommentiert die Krippenbetreuerin später.
„Verklagen Sie den doch erstmal und dann warten sie ein halbes Jahr ab. Machen Sie sich ne schöne Zeit, gehen sie mal richtig aus, kaufen Sie sich was Schönes, davon geht doch jetzt die Welt nicht unter,“ meint der erste Anwalt.

Die Welt ging aber unter.

Ich wusste, ich kann dich nicht mitnehmen, nicht bei dem neuen Job, nicht ohne adäquate Bleibe, nicht in einer Phase, in der wir Beide so verzweifelt sind, dass nur wenig fehlt, um dich als Druckmittel einzusetzen, und rational gesehen saß ich nun mal am kürzeren Hebel, ich musste deine Wohnung und meine Bleibe am Laufen halten und auch alles Weitere, nicht für ihn, aber für dich, ich wollte doch, dass du weiterhin einen stabilen Ablauf und ein gewohntes Umfeld hast, solange, bis wir Erwachsenen irgendwann endlich wieder stabil sind. Solange, bis du irgendwann wieder den Schutz bekommen kannst, den du so sehr brauchst.

Drei war Einer zuviel.

Ich wusste, es geht dir gut, solange einer von uns bei dir ist.
Doch mit uns Dreien, da ist es Einer zu viel, da wird es schmerzhaft, und diese Schmerzen solltest du nicht tragen, die solltest du nicht spüren, für all das kannst du doch nichts, dafür können doch nur wir etwas.

Dass es wehtut, dich zu verlassen, wusste ich.
Dass der Schmerz mich fast umbringt, damit hatte ich nicht gerechnet.

Schemenhaft erkenne ich unseren Paketboten, er lächelt mich an und hebt die Hand zum Gruß, er ist immer so nett, er nimmt immer auch Retouren mit, ich wohnte ja so gerne hier. „Heute was zum abgeben?“ ruft er mir zu.

Heute habe ich nichts abzugeben. Ich habe mich bereits abgegeben.

Da oben im zweiten Stock, auf dem Küchentisch, gleich neben dem Teller mit den Butterspaghetti, da liegt mein Herz, es pocht, es schreit und weint, es ruft mir hinterher, aber es ist immerhin bei dir, und du hast bestimmt längst aufgehört zu weinen. Und nur das ist jetzt wichtig.

Mein unterkühlter, leerer Körper schleppt sich derweil die sonnendurchflutete Straße entlang, am irritiert schauenden Paketboten vorbei, ich quäle mich unter unglaublichen Anstrengungen voran, Schritt für Schritt, ich habe große Atemnot, wie soll ich auch atmen, ich habe doch gar kein Herz mehr.
Vor mir liegt eine schreckliche Zeit voller Ungewissheit, Verzweiflung und Angst, Angst, Angst, noch weiß ich nicht, wie lange es dauern wird, bis wir endlich eine Einigung haben, bis sich die Zustände lichten, bis wir zu einem regelmässigen Umgang finden, zum Glück, vielleicht ist es so auch besser so, und auch heute weiß ich nicht, ob es lange dauerte, denn was genau bedeutet „lange“ überhaupt unter solchen Umständen?

Ein einziger Tag, das sind 24 quälende Stunden, 1440 Minuten, 86.400 Sekunden. Jeden Tag aufs Neue, unerbittlich, tick-tack tick-tack, bis irgendwann ein neuer Tag anfängt und alles von vorne beginnt. Und in all dieser Zeit konnte ich nichts tun. Ich konnte nur dasitzen.

Und ich konnte es einfach nicht fassen.

Klar, ich habe viel gearbeitet. Manchmal half das, den Schmerz zu vergessen. Den Schmerz in meinen Armen, weil sie nicht mehr gebraucht wurden für das, für was sie eigentlich gemacht sind: dich zu halten.

Klar, da waren liebe Menschen. Liebe Menschen, die stark genug waren, meinem Schmerz standzuhalten und mir Kraft zu geben. Menschen, die nicht von mir dafür getröstet werden mussten, weil ich diese unfassbare Situation hatte. So auch der Eine. Damals wie heute.

Klar, ich bin gegangen damals.
Aber nicht, weil mir irgendetwas wichtiger ist als du. Mitnichten.

Uff.

In diesem Moment, ich starre vor mich hin, völlig gefangen von meinen Gedanken, räuspert es neben mir.

Es ist mein Coach. Mit seinem akkurat gebügelten weißen Hemd, seiner schwarzen Werberbrille und der Anzughose mit unverschämt hohem Wollanteil kauert er neben mir im Spülschrank. Er ist offenbar der einzige Mensch auf Erden, der selbst dabei würdevoll aussieht.
„Was soll ich nur tun?“ wispere ich ihm zu.

Aufmunternd lächelt er mir zu: „Fragen Sie Ihr Kind doch einmal, ob es selbst so empfindet. Fragen Sie es, ob es sich an Begebenheiten erinnert, bei denen es sich allein gelassen fühlte von ihnen. Bei denen es Sie vermisst hat. Bleiben Sie bei Ihrem Kind und seinen Gefühlen. Bei niemand Anderem. Nur Mut!“

Sounds like a plan. Ok.

Ich quetsche mich umständlich an meinem Spülschranknachbarn vorbei, gehe zu meinem Moglikind und hieve mir seine Buttergabel und ihn auf den Schoß. Ich halte ihn ganz, ganz eng bei mir und vergrabe meine Nase in seinem butterverschmiertem Haar.

Ich frage Mogli, ob er denkt, dass mir andere Sachen wichtiger sind. Ob es sich für ihn so anfühlt manchmal.

Er sagt, es sei nun mal so. Und dann sprechen wir über Dinge in der letzten Zeit, über Begebenheiten, wenn er einmal wütend war. Oder krank oder traurig. Ob er sich da alleine vorkam, von mir verlassen.

Und dann erzählt er von neulich, als ihm so schrecklich übel wurde und er ständig spucken musste, die ganze Nacht hindurch, und wir uns irgendwann einfach in die Badewanne setzten, mit seiner Decke, einem nassen Waschlappen und seiner Lieblingskassette, damit es ganz nah zur Toilette ist, wenn es ihn wieder überkommt, und er erinnert sich, dass wir die nächsten zwei Tage zu Hause blieben und ich nicht arbeitete, bis er wieder ganz gesund war.
Er erzählt mir, dass er all seine Kita-Freunde zur „besten Nachtparty mit Spucken“ in unsere Badewanne eingeladen hat und dann lachen wir. Und hinter seinem kleinen Rücken, ganz heimlich, da heule ich ein bisschen.

Ich sage ihm, dass wir ihn alle sehr, sehr, sehr liebhaben. Und dass niemand aus unserer Familie je weggehen würde, weil er ihn nicht mehr liebhat.

Und Mogli fragt: „Können wir nicht heute die Nachtparty in der Badewanne machen?“
Ich überrede ihn zum Malen. Vorher stelle ich das Fenster auf Kipp und beschließe, morgen die Hausverwaltung anzurufen. Als ich mich in den Spülschrank beuge und mich bei meinem Coach bedanken will, ist der längst weg. Für den Moment bin ich nochmal davongekommen.

Dieser Moment war der Startschuß für Wechselmama.


Denn nicht jeder hat das Glück, einen Coach im Spülschrank zu haben.
Auch ich bin kein Coach. Ich habe nur hin und wieder mal eine stinkende Spüle.

Aber ich habe viel aus dem ganzen Drama mitgenommen damals. Unter anderem, dass wir nicht so allein sind, wie wir uns in solchen Momenten fühlen. Es gibt so viele Menschen, die genau jetzt das Gleiche durchleben. Und sich in dem Moment nicht trauen, darüber zu sprechen. Es ist gut und wichtig, sich zeitig Hilfe zu holen. Nicht erst, wenn man sich streitet, wenn alles kaputt ist. Sondern auch schon viel früher, wenn man merkt, Dinge könnten kippen. Egal, ob zu Zweit oder Allein, ob als Paar- oder Einzeltherapie oder als „Nur-mal-so-gucken-wie-es-hier-läuft-Beratung“.

Holt Euch Hilfe.

Es gibt Leute da draußen, die können helfen. Bei den großen Themen und auch bei den Kleinen. Die Kleinen vergessen wir nämlich alle. Und zwar genau in den Momenten, in denen wir meinen, wir denken nur an sie.

Das braucht Mut, das braucht Zeit, manchmal sind es die falschen Helfer, doch je früher ihr euch umschaut, mitunter noch in der Beziehung, je schneller habt ihr jemanden gefunden, der der Richtige ist und der Euch versteht und Hilfestellung geben kann. Denn wenn es richtig turbulent wird, habt Ihr keine Kraft mehr, mir dem Suchen anzufangen. So wie ich damals.

Jede Stadt hat mittlerweile eine Familienhilfe, eine Institution, die auch kostenfrei Beratungstermine vergibt oder bei der Vermittlung von Angeboten hilft. Macht das nicht mit Euch aus, denkt einen Moment nach, bevor Ihr einen Anwalt einschaltet, bevor ihr auf Konfrontation geht, bevor Ihr Euch durch alle Gerichtssääle dieser Welt walzt. Bevor es um geltendes Recht geht, geht es um Verständnis. Und Liebe und Toleranz. Um Loslassen und auf das Recht zu verzichten, Recht haben zu wollen. Hier gibt’s keinen Wettkampf. Hier gibt’s Kinder.

Hass ist krass. Liebe ist krasser.

„Hass ist krass. Liebe ist krasser.“ ©Barbara.

Bild: Mit besonderem Dank an Silke Baltruschat und Stefan Thurman
Text: Mareike Milde

18 Replies to “Als ich ging”

  1. Als dein Newsletter kam, wusste ich dass das nicht leicht wird für mich zu lesen. ich habe den Artikel auch trotz deiner Warnung verschlungen. ich bin eine von derjenigen, die ihr kind fast zerrissen hat und mitnahm. Heute holt sich der Vater stück für stück den Umgang zurück. Auch wenn ich offiziell dagegen angehe, weiß ich, das es richtig ist für meinen kleinen. ich schäme mich, wenn ich deinen Beitrag lese und möchte dir sagen, dass ich tiefe Bewunderung für dich fühle. in so einer Situation richtig zu handeln war für mich unmöglich damals.

  2. Oh wow. Du sagst, du bist kein Coach, aber du hast mir schon so viel geholfen, nur durch das alles hier!!! Für mich bist du mein Coach Number One in Sachen Trennung und Wechselmodell. Ich kenne keinen Blog, der so gut diese Situationen beschreibt wie du! Du hast alles so durchgefühlt und ich fühle direkt mit. Du zeigst echte Größe, darüber zu schreiben! Danke

  3. Du schreibst so reflektiert, Wechselmama, und dabei bist du in der klassischen Rolle eines Vaters gewesen, kann das sein? Denn sind es nicht meistens die, die gehen müssen und alles am laufen halten (zumindest monetär), bis sich die Fronten glätten können? Es ist wichtig, dass dies von einer Frau kommuniziert wird. Danke und alles Gute, Peter

  4. Ein großartiger Text. Wunderbar. Wie du mit Worten umgehen kannst, bewundere ich sehr. In jeder Zeile bin ich so sehr bei dir und habe das Gefühl, ich stünde neben euch in der Küche. Deine unglaubliche Liebe zu deinem Kind wird in jedem Satz deutlich und ich wünsche dir so sehr, dass du mit dieser Entscheidung nicht haderst. Ich bin selbst ein Trennungskind und habe darunter gelitten, von meinem „Vater“ aus dem Leben ausradiert worden zu sein. Für ihn nicht mehr zu existieren. Und dann lese ich von Nachtspuckpartys in der Badewanne, von den Gefühlen des Moglikindes- über die ihr gemeinsam sprecht, den vielen Gedanken die du dir machst, weil du dein Kind glücklich sehen willst…. Danke für den WOW Text <3 Ganz liebe Grüße Steph

    1. Liebe Steph, da bist du wieder. : ) Danke für deine aufbauenden Worte. Es muss fürchterlich sein, von einem Elternteil wegradiert zu werden, da fühle ich fest mit dir. Und nein, ich hadere nicht. Es war genau richtig und ich würde immer wieder genauso handeln, Höllenschmerz hin oder her. Eine herzliche virtuelle Umarmung von Mareike

  5. Manchmal denke ich, es musste alles dir passieren. Wer sonst könnte sonst so verletzlich über solche Dinge sprechen. Du bist unglaublich mutig, liebe Wechselmama. Ich fühle mit, und das in jeder Zeile. Danke für dein Vertrauen und dass du darüber sprichst!

  6. Liebe Wechselmama, ich dachte immer, ich kann dich nicht mehr lieben. Vertan. Ich habe mich noch mehr reinverliebt in dich und deine Worte. Alles, alles, alles Liebe und danke, danke, danke für das hier!!

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