Von den Wechseln im Wechsel

oder: Sind regelmäßige „Besuche“ stressfreier als regelmäßiges „Wohnen“?

„Du willst was? P R OG R A MM IER E N??“

Meine Freundin schaut mich verdutzt an. Hier sitzen wir beide, so um die Mitte Dreißig, vielleicht geringfügig älter, beide haben wir studiert, beide haben wir eine ordentliche Berufskarriere, beide leben wir völlig autark und selbstständig, beide sind wir emanzipiert, hatten nie Angst davor, alleine zu bestehen, uns beiden hampeln unsere Kinder auf dem Schoß herum und futtern begeistert Maisreisstangen, sie lebt im Residenz-, ich im Wechselmodell, beide arbeiten wir in Vollzeit.

Irgendwie ging das, irgendwie war das gut, doch irgendwann war ich trotzdem nicht mehr ganz so happy mit allem. Weil am Ende bei mir nur das Gefühl blieb, mich abzustrampeln, ohne noch richtige Freude dabei zu haben. Also will ich einfach mal einen Schritt raus machen aus dem bisherigen Leben. Ein paar Meter zur Seite, nochmal alles neu. Diese Buchidee verfolgen, die so laut in mir schlummert, das wäre doch toll, das wäre vielleicht eine ganz neue Chance. Dieses Studium, das reizt mich sehr, man könnte es prima 8 Stunden täglich einschieben. Vielleicht öffnet das dann auch neue Türen, es entstünde ein Plan B, der einen wenig unabhängiger macht von Plan A, und das wären doch prima Aussichten, all das erzähle ich meiner Freundin. Ich will wissen wie sie darüber denkt, wenn ich mich noch mal aus dem System herauswage, ohne finanzielle Sicherheiten und der Gewissheit, was später daraus wird, ob später was daraus werden kann, ja, was wird sie wohl sagen?

„Und du meinst du schaffst das, du hast doch schon so viel mit Euren Wechseln zu tun?“

HÄ?

Meine alleinerziehende Freundin, die sich den Umgang in der klassischen Variante teilt, die selbst jeden Tag so unendlich viel wuppt, die so blitzgescheit und lustig ist, die drei Sprachen fließend spricht, die trotz Kleinkind jeden Tag wie aus dem Ei gepellt aussieht – diese Freundin stellt mir diese Frage?

Ich hatte jetzt einiges erwartet an Einwänden, aber nicht die Frage, ob es mich stresst, einmal die Woche einen Wechsel mit meinem Kind über die Bühne zu kriegen. Immerhin handelt es sich bei den Wechseln nicht um Umzüge mit Lampen installieren, neu tapezieren, Bett ab- und aufbauen, Kisten packen, Palme schleppen etc.

Wieso hält sich das Vorurteil eigentlich so hartnäckig, dass die Kinder beim Wechselmodell „umziehen“ müssen?

Trotzdem kommt dieses Argument häufig von Wechselmodellskeptikern, auch aus meinem Umfeld. Es würde wahnsinnig viel Unruhe reinbringen, weil die Kinder jede Woche „umziehen“ müssten, bevor sie sich beim anderen Elternteil erst wieder eingewöhnen. Weil man schon am Vorabend Sachen packen muss, die für die ganze Woche reichen. Nun geht unser Kind noch nicht in die Schule, da wird das sicherlich nochmal ein anderer Schnack. Aber bei uns geht außer dem Proviantrucksack für die Kita und der Krankenversicherungskarte – und natürlich dem Kind- nichts weiter hin und her. Liegt sicher auch am Moglikind selbst, der auch nichts mitnehmen will. Aber selbst wenn er wollen würde, nehmen denn die Residenzkinder nichts mit auf Ihren „Besuch“ beim anderen Elternteil?

Wir sprechen über die Unterschiede unserer Lebensmodelle. Schnell kommen wir vom Umzugsgedanken ab und landen bei den Begrifflichkeiten der Modelle. Ist es wirklich schöner, als Kind den anderen Elternteil „nur“ zu besuchen, als dort „richtig“ zu wohnen? Oder „wohnen“ auch im Residenzmodell die Kinder bei den Eltern, die die geringere Zeit mit dem Kind verbringen? Haben Sie dann immer auch ein eigenes Zimmer dort, oder schlafen sie auf der Gästecouch?

Bei meiner Freundin hat das Kind auch bei beiden Eltern ein eigenes Zimmer, genau wie bei uns.

Ist ein regelmäßiges „Besuchen“ nicht doch auch wie ein vielfaches „Wohnen“, nur nicht ganz so verbindlich? Und was davon ist dann stressfreier für die Kinder?

Darüber gibt es sicher so viele Meinungen wie jetzt Maisreisstangenkrümel auf dem Küchenboden. Das Residenzmodell meiner Freundin zum Beispiel empfinde ich als ziemlich stressig. Manchmal diskutieren sie direkt nach der Übergabe schon wieder darüber, wie die bevorstehende Übergabe ablaufen soll. Für mich fühlt sich dieser ständige Austausch mit ihrem Ex-Partner wahnsinnig stressig an. Dabei will man doch eigentlich eher Ruhe vor dem haben, denke ich mir dann. Oder geht das nur mir so? Nagut, ich bin Team Freundin, ich bin null objektiv.

Aber fällt denn garnicht auf, dass man im klassischen Residenzmodell mehr pendelt als im wöchentlichen Wechselmodell?

Warum nur denkt meine Freundin, die Wechsel im Wechselmodell seien so anstrengend, dass mir aus diesem Grund ein beruflicher Neuanfang schwer fallen könnte?

Es ist doch so: bei unserem klassischen Wechselmodell wechselt das Kind genau einmal. In dem klassischen Residenzmodell meiner Freundin wechselt das Kind jedes zweite Wochenende 2x, sowie jeden Mittwoch nach der Kita hin und donnerstags zurück.

Macht in einem durchschnittlichen Monat von vier Wochen:

2 Wechsel x 2 Wochenenden + 8 Wochenwechsel =

12 Wechsel im Residenzmodell

dem gegenüberstehen:

4 Wechsel im Wechselmodell

Es kann nicht beurteilen, ob etwas davon besser oder schlechter ist. Ich weiß nicht, ob es mehr Konsistenz schafft weniger zu wechseln oder mehr Elternbindung generiert, wenn das Kind öfters die Elternteile sieht. Mir steht auch garnicht zu, das zu bewerten. Das können nur die Kinder.

Was ich aber sicher weiß, ist: 12 ist mehr als 4.

Je mehr ich mich in diese Thematik einarbeite, umso mehr verschiedene Meinungen bekomme ich dazu. Meist sind diese, wie auch bei meiner Freundin und mir, sehr emotional gelagert, schließlich ist es etwas sehr Individuelles, etwas sehr persönliches, ein Lebensmodell, welches man wie in unseren Situationen zigmal erklären und verteidigen musste, manchmal auch gegen Leute, die nicht an einem freundlichen Austausch interessiert sind. Und selbst bei uns sind die Köpfe nun rot, die Stimmen haben Nachdruck, jeder buhlt um Verständnis für sein eigenes Leben vom anderen.

Und das braucht es auch: viel mehr Verständnis und Toleranz. Für alle Seiten. Denn jeder von uns ist ein Individualfall.

Ohne das Wechselmodell hätte ich zum Beispiel überhaupt keine Chance gehabt, mich beruflich neu zu orientieren. Nur im Wechselmodell kann ich während der Papa-Woche studieren und abends an einem Buch schreiben, während ich in der Mama-Woche studieren und für das Kind da sein kann. Würde ich mein Kind im Residenzmodell betreuen, wäre das nie möglich für mich.

Für viele Arbeitnehmer ist das Wechselmodell aber eine vergiftete Erleichterung.

Weil sie ihre Arbeitszeit eben nicht im Einklang mit dem Wechselmodell eine Woche lang, eine Woche kurzhalten können, sondern sich für eins von beiden entscheiden müssen: entweder deutlich weniger Geld bei kürzeren Arbeitszeiten, oder deutlich weniger Zeit mit dem Kind bei einem Vollzeitjob.

Dann doch lieber das Residenzmodell, sagt meine Freundin. Da hat man dann an den Nachmittagen wirklich mehr Zeit für das Kind, und kann an den wenigen freien Tagen auch wirklich etwas für sich tun. Sport oder Tinder zum Beispiel. Und es sind so wenige Tage, dass sie als Luxus begriffen werden. Und nicht als Zeit für ein Neuprojekt wie ein Studium.

„Du hast einen Knall. Und du wirst das rocken,“ sagt meine Freundin, und wir freuen uns beide. So unterschiedlich unsere Familienmodelle sind, so verschieden unsere Ideen vom Arbeiten und Geldverdienen, so gleich sind wir in der bedingungslosen Unterstützung miteinander. Das tut gut, das ist wichtig, nur so kann man fliegen und sich neues Terrain zutrauen. Ich werde das also machen, diese Sache mit der P R OGR AMM IE RU NG. Und den Büchern. Mal schauen, was dabei rumkommt.

Bild: Mohammed Gadi I Unsplash
Text: Mareike Milde

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