Heute mal kein Drama, Baby

Oder: Warum es auch mal okay ist, nicht immer ein Trauma hinter allem zu vermuten.

Da liegen wir nun, auf unserem Matratzenlager, mit dicken Bäuchen von Pommes und Pizza, Sprudel und Naschkrams, hundemüde und erschöpft. Unsere Haut duftet von chlordurchtränkten Wasserschlachten und Friteusenfett. Offiziell haben wir Erwachsenen uns dazu gelegt, um die Meute zu beruhigen. Inoffiziell freuen wir uns auf ein vorgezogenes Nickerchen.

6 Stunden Spaßbad mit 5 Kindern unter 7 Jahren fordern eben ihren Tribut.

Jedes der Kinder darf im Dunkeln noch eine Geschichte erzählen, die Ältesten zuerst, und wenn die Jüngsten drankommen, sind hoffentlich alle schon längst eingeschlafen. Teilweise klappt es, teilweise nicht, hier noch schnell ein Wasser trinken, dort noch schnell das Bäuchlein streicheln, da noch einmal kichern über den einen Papa, der bereits verhalten schnarcht. Und irgendwann, gefühlt kurz vor Morgendämmerung, endlich…Stille.

„Mama, wann wohnt Papa wieder bei uns?“

Meine Freundin atmet scharf ein, abrupt stoppt das Schnarchen, in der Dunkelheit höre ich sie wachsen, drei erwachsene Ohrenpaare neben mir, und im Sekundenbruchteil wird aus der rammdösigen Schläfrigkeit eine angespannt lauschende Konzentration. Sowas bemerke ich öfters, sei es neben Fremden am Spielplatz, mit Mitfahrern in der Bahn, mit Freunden, die man nicht so oft sieht; das große Fragezeichen über dem Kopf inmitten der angespannten Stille: muss ich jetzt peinlich berührt drüber weggucken oder kann ich erleichtert auflachen?

Dieser Moment, wenn es so fürchterlich peinlich wird.
Für die Anderen.

Für mich ist das zum Glück nicht peinlich. War es nie. Warum auch immer, das Feingefühl für Schamempfinden bei heiklen Kinderfragen ist an mir vorübergegangen, da war wohl kein Platz mehr in meinem Kopf, in meinem Bauch, in meinem Sinn. Danke lieber Herrgott.

Ich finde es super, wenn mein Kind so etwas fragt.

Also, naja, vielleicht nicht jetzt, wo es endlich schlafen soll und ich mich sehr auf einen Wein im Kreise meiner Lieben freue. Aber sonst so, grundsätzlich, egal wo, egal mit wem, egal wann. Es gibt sie nicht, die falsche Zeit, den unpassenden Ort. Nicht bei sowas.

Das Kind soll immerzu Dinge raushauen, die es beschäftigen.

„Wünschst du dir das denn?“ frage ich zurück, dank meinem Coach weiß ich ja, dass man immer erst nach dem Beweggrund der Frage forschen sollte, um herauszufiltern, wo der Hammer hängt. Oder hier: die kindliche Intension.

„NEEEE! Wie soll das denn bitte gehen? Schau doch mal, ich, der Papa, du und der Eine, wir passen doch garnicht alle zusammen in unser Bett?! So ein Quatsch. Und jetzt Ruhe im Karton, Mama!“ quietscht das Kind.

Wir lachen alle. Von wegen Ruhe im Karton.

Und er hat ja recht:
Wer es derzeit schafft, auch nur eine Nacht an der Seite von Mogli zu überstehen, ohne vom eigenen Nasenbluten aufgeweckt zu werden oder aus dem Bett zu fallen, verursacht durch liebevoll schläfrige Fußtritte, der verdient meinen vollen Respekt.

Und einmal im Ernst:
Dinge zu fragen, die man sich nicht vorstellen kann, kann man ja trotzdem mal fragen.

Noch weitere 5 Minuten, dann ist wirklich Ruhe im Karton, jetzt ist endlich Erwachsenenzeit, endlich reden ohne Filter, in vollständigen Sätzen, samt Subjekt, Prädikat und Objekt, darauf freue ich mich, aller Müdigkeit zum Trotz.

Kaum sitzen wir, spricht mich meine Freundin auf eben an, sie fragt mich, wie ich es schaffe, so entspannt zu bleiben bei dieser Art von Fragen.

Sie fragt mich, ob ich mir denn Sorgen mache um mein Kind, wenn es solche Fragen stellt.
Und sicherlich mache ich mir wahnsinnig oft Sorgen, um wahnsinnig viele Dinge, gerade auch bei meinem Kind. Aber ne, nicht bei sowas. Vor allen Dingen nicht heute.

Heute einfach mal kein Drama, Baby.

Direkt über uns schlafen 5 kleine, verschwitzte Bäuchlein, gemästet von 300g gesättigten Fettsäuren, minimum 20 Eiern aus Schokoladenküchlein und Plätzchen, etwa 9.000 leeren Kilokalorien aus Zuckergetränken und viel mehr E-Farbstoffen, als alle Kinder zusammen Rutschgänge machen konnten. Und all diese nahrhaften Köstlichkeiten schwappen in 3 Liter verschlucktem Chlorwasser, und was dem noch beigemischt war, na, da wollen wir jetzt bitte nicht weiter dran denken.

„Der schönste Tag im Schwimmbad seit immer!“ schrie mich mein Sohn mit blauen Lippen durch die heranrollenden Wellen an, als ich ihn und seinen Tauchring mit liebender Gewalt aus den Gitterstäben der Sogfangmaschine kuddelte. „Der geilste Schwimmbadbesuch aller Zeiten“ nuschelte sein notdürftig verarzteter Freund durch die blutige Oberlippe, nachdem er beim „Prellbock“-Spielen mit dem Gesicht auf dem Dekofelsen abstoppen wollte.

„Machen wir das morgen wieder, alles ganz genauso?“ fiepte das Nesthäkchen der Gruppe hinter ihrem Pommesberg, während die letzten trockenen Handtücher, die sie zur Platzreservierung im Whirlpool ausgebreitet hatte, auf der Bistroheizung trockneten.

„Können wir das bitte nie wieder machen, bevor die Kinder aus dem Haus sind?“ raunte mir meine Freundin zu.

Hach nö.

Manchmal ist es völlig ok, einen Kinderquatschspruch einen Kinderquatschspruch sein zu lassen.

Manchmal ist es völlig ok, keinen tiefenpsychologischen Unterboden finden zu wollen. Es muss nicht immer alles Drama sein, es muss nicht immer alles traumatisch besetzt sein, es darf auch mal stinknormal und belanglos und nichtssagend und sinnfrei vorgetragen sein. Auch bei uns. Gerade bei uns.

Ich werde natürlich darauf achten, ob diese Frage nochmal kommt, in den nächsten Tagen, das verspreche ich meiner lieben Freundin, dann würde ich da nochmal näher drauf eingehen, großes Ehrenwort. Und damit jetzt Ruhe im Karton.

Und mit diesem Vorsatz erheben wir unser Glas auf uns, auf den überlebten Tag im Spaßbad, auf die Leichtigkeit, meinetwegen auch auf die Oberflächlichkeit, heute Abend ist das mal ok, alle lachen, und alle trinken mit.

Bild: Miguel Andrade – Unsplash
Text: Mareike Milde

One Reply to “Heute mal kein Drama, Baby”

  1. Diese besorgten Freunde kenne ich auch, meine Liebe! Und absolut auch solche Schwimmbadtage, zum totlachen! Nein. Manchmal hilft einfach drüber zu stehen, eine Nacht zu schlafen und das Chaos von vorne zu beginnen. Auf gehts!

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