Von maximaler Flexibilität

…und der verlorenen Vorfreude

Was das Wechselmodell für Auswirkungen auf meine Familie und mich hat.

Seit Wochen hänge ich in der Luft. Rein bildlich gesehen, natürlich hänge ich nicht wirklich irgendwo rum. Es läuft alles weiter wie sonst auch, alles geht seinen Gang. Trotzdem ist da dieser Zustand, seit nunmehr 12 Wochen. Seitdem warte ich auf einen Austausch, eine Reaktion, eine Rückmeldung oder Bestätigung, zumindest eine Sicherheit. Eine Planungssicherheit.

Der Grund ist winzig, eine kleine Ausnahme neben der Norm, er umfasst nur 24 Stunden, natürlich ordnungsgemäß, frühzeitig und wie abgesprochen eingereicht, etwas was immer wieder vorkommen kann, kein Protokoll der Welt kann all diese Themen lückenlos voraussehen, 100%ig abdecken, das Leben ist ja kein Uhrwerk, Dinge passieren. Und schon sind sie da, diese Ausnahmen samt Sprachlosigkeit. Es geht nichts wirklich kaputt, wenn das alles so nicht stattfinden kann. Und doch.

Es ist ja immer das Gleiche. Wie eine abgestimmte Choreographie, jedes Mal das gleiche Muster, irgendwie stecken wir zu tief darin fest: sobald etwas abweicht von unserer Norm, fehlt die Bereitschaft des anderen, sich darauf einzulassen, Dinge gemeinsam zu lösen, diese Voraussetzung, sie ist einfach noch nicht da. Und anstelle eine Konversation anzuschließen, einen Kompromiss zu suchen, eine Alternative zu überlegen, folgt Sprachlosigkeit, gefolgt vom Nichts.

Warten auf Nichts

Ich warte also auf das Nichts. Es ist dumm, doch ich weigere mich, aus der Erfahrung zu lernen. Weil es sich so falsch anfühlen würde. Es würde dumpf machen, es würde den Glauben daran zerstören, dass es irgendwann einmal anders laufen kann. Besser. Gemeinsamer. Also werde ich es wieder tun. Wieder versuchen, mit frischer Einstellung auf neue Situationen zuzugehen, es muß doch möglich sein, und irgendwann klappt es dann sicher auch. Ich versuche Verständnis aufzubringen. Heute fehlt mir das Verständnis.

Und auch, wenn ich diese Dinge immer wieder gleich machen werde, ich lernte dafür etwas anderes. Aus der Not heraus formierte sich mein ganzes Denken neu, jegliche Erwartungshaltung wurde abgebaut. Und was mir beim turnen nie gelang, der heilige Spagat, ich schaffte ihn schließlich im Kopf, mit all meinen Synapsen, mit den Jahren habe ich sie erwärmt, gedehnt und immer wieder trainiert, bis ich schließlich so flexibel wurde, dass ich auf alle Situationen reagieren konnte, nun stecke ich nicht mehr fest in einer Wunschvorstellung, sie kann doch so schnell zerplatzen, diese Seifenblase des Lebens.

Nun ist alles flexibel, alles ist möglich. Alles kann und garnichts muss. Egal was ich vorhabe, ich plane mit doppeltem Boden, bei allen Dingen, es gibt sie immer: die Version a) mit Kind und die Version b) mit allem anderen. Das ist mitunter teurer, das ist mitunter stressig und manchmal stehen Aufwand und Kosten so garnicht im Verhältnis zueinander. Und doch ist es die Freiheit, die ich mir nehme, damit ich es bin, die ihr Leben führt und niemand anders.

Kaufe Flexibilität, bezahle mit Vorfreude

Aber nichts ist ohne Preis, auch die grenzenlose Flexibilität, am Ende kostete auch sie, natürlich. Der Zahltag muss sehr leise stattgefunden haben, ich habe es garnicht bemerkt. Doch als ein Wochenendtrip ins Wasser fiel, der Flieger storniert wurde, nachkommen sinnlos war und ich dies meiner tieftraurigen Freundin übers Handy mitteilen musste, da dämmerte es mir. Kein Wort des Bedauerns, der Wut oder Enttäuschung hatte ich übrig – woher auch nehmen, ich empfand es nicht. Scheinbar ungerührt grabbelte ich nach meinem Kalender, suchte ein neues Wochenende für uns, plante um, tröstete sie. Es war nicht so, dass ich sie nicht gern gesehen hätte, im Gegenteil. Doch wenn man nichts mehr erwartet, um jederzeit überaus flexibel reagieren zu können, dann kann sie garnicht mehr richtig aufkommen, die Freude davor.

Sie ist also weg, die wunderschöne Vorfreude, dieses herrlich leichte, luftige Gefühl. Einfach abhanden gekommen ist sie mir, still und heimlich, wahrscheinlich habe ich sie liegen gelassen, in dem Taxi auf dem Weg zur größtmöglichen Flexibilität, und nun ist das Taxi fort und ich stehe hier, sehr flexibel zwar, aber ganz ohne sie, ein bisschen schade ist das schon.

Kann man eine Fähigkeit dazu gewinnen, ohne eine Alte zu verlieren?

Doch bevor ich nun bedauere, nicht mehr bedauern zu können, beschließe ich, den aktuellen Schwebezustand zu beenden.

Ich rufe Mama an und teile ihr mit, dass wir den Tag ohne das Moglikind feiern müssen. Es macht keinen Sinn zu warten, Gespräche herbeiführen zu wollen, die nur einer will, Kompromisse zu suchen wenn der Sinn des Spiels genau darin besteht, diese Dinge hinauszuzögern, sie zu vermeiden. Dann tritt man besser zurück, man muss verzichten, aber die Gewissheit, sie ist mir dann doch um einiges lieber.

Im Telefon knackt es, Papa ist nun auch in der Leitung: „Also. Dann verschieben wir mein Geburtstagsjubiläum einfach in eine Mamawoche!“

Nun freuen sie sich, meine Eltern, wie zwei aufgeregte Schulkinder, ihre Idee ist einfach zu genial. Natürlich sind auch sie super-flexibel geworden, sie hatten ja gar keine andere Wahl, als mit mir diese Transformation zu beschreiten, und nun freuen sie sich also, auf ein unbestimmtes Datum, einen unbestimmten Tag, zu Recht sind sie sehr stolz auf sich, selbst ein großer Anlass ist vor Ihrer maximalen Flexibilität nicht sicher. Kein Bedauern, kein Unverständnis, keine fassungslosen Fragen, erst recht keine Vorwürfe. Nur Vorfreude auf alles was da so kommen mag, in diesem Abenteuer Leben.

Scheinbar ist es also doch möglich

Ich staune. Wenn meine Eltern sich einlassen können auf immer neue Situationen, wenn selbst bedeutende Anlässe nicht sicher sind vor Ihrer Flexibilität und sie sich trotzdem ihre Vorfreude bewahren können, dann ist es also doch möglich. Wir lachen alle zusammen.

Vielleicht ist es garnicht für immer weg, mein verschwundenes Taxi. Vielleicht hat es nur kurz eine andere Fahrt angenommen, und irgendwann, da steht es dann wieder vor meiner Tür. Und in ihm drin, da sitzt sie dann, meine geliebte Vorfreude. Und bleibt von jetzt an für immer. Ich würde sie auch nie mehr hergeben. Word.

Bild: Federico Beccari / Unsplash
Text: Mareike Milde

4 Replies to “Von maximaler Flexibilität”

  1. Ich kann mich nicht entscheiden, ob ich deine Beiträge lustig finde oder traurig. Jeder Einzelne geht ans Herz und ist wunderschön. Da hilft nur mehr lesen! Schreib bitte weiter! Die Pause ist schon viel zu lang! Ich hoffe es geht dir gut mit dem Moglikind und du schreibst hier bald wieder für uns.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.