Im Interview bei Verena von Pendelkinder.de

Vor einigen Wochen war ich zu Gast bei Verena von Pendelkinder.de, dem Podcast, Blog und der gleichnamigen App.

Mit Verena sprach ich über den Alltag mit und ohne Corona, den rumpeligen Anfang im Wechselmodell und warum ich glaube, dass Liebe der Schlüssel zu Allem ist.

Das Interview veröffentliche ich hier in leicht gekürzter Version – in ganzer Länge findet Ihr es auf dem Pendelkinder Blog. Ebenso findet Ihr dort weitere Interviews mit Wechseleltern, jede Menge Tips und Mutmacher für den Nachtrennungs-Alltag.

Viel Spass beim Lesen.

Hallo, liebe Mareike. Ich freue mich sehr, dass du uns einen Einblick in dein Leben als getrennte Mama geben möchtest. Erzähl uns zu Anfang ein wenig von dir: Wer bist du, wie lang ist eure Trennung her und wie alt war euer Kind bei der Trennung?

Hej liebe Verena, wie schön bei dir zu sein, vielen Dank für die Einladung! Ich bin Mareike, habe einen 6-jährigen Sohn, den ich mit seinem Papa seit seinem 2. Lebensjahr im paritätischen, also absolut gleichberechtigten Wechselmodell erziehe. Die Trennung erfolgte ziemlich schnell nach der Geburt unseres Sohnes, sodass wir eine richtig klassische Familienzeit gar nicht in dem Sinne hatten.

Eine Trennung von einem Menschen, den man einmal geliebt hat oder vielleicht sogar noch liebt, ist nicht leicht. Wenn Kinder mit im Spiel sind, ist es häufig die erst wirkliche Bewährungsprobe des Lebens, die man meistern muss. Der ständige Kontakt zum Ex-Partner und die vielen Missverständnisse und aufkommende negative Gefühle können einem den Neuanfang für eine lange Zeit fast unmöglich machen. Nimm uns mit in die Zeit nach eurer Trennung, wie erging es dir?

Du sagst es, das war fürchterlich. Wobei dies in erster Linie nicht an einer emotionalen Bindung zum Kindesvater hing, sondern an dem langwierigen und harten Kampf um das richtige Umgangsmodell und die Zugeständnisse, die solch eine Trennung mit sich bringt.


Auf jeder Seite war das Unverständnis für den anderen so groß, dazu kamen noch verletzter Stolz und Eitelkeiten, die sich schließlich in einem fürchterlichen Kampf um das Kind – auch vor Gericht – entluden. Das allein war schon mehr als ich manchmal ertragen konnte und ich kann mir von daher nur ungefähr ausmalen, um wie viel mehr der Schmerz größer ist, wenn man zusätzlich noch mit dem Verlust einer langjährigen Liebe umzugehen lernen muss.

Die Schwierigkeiten bei uns bestanden vor allen Dingen darin, dass weder Absprachen noch ein gemeinsam geführter Erziehungsstil denkbar war in der langen Trennungsphase – niemand wollte nachgeben, niemand war fähig, einen Kompromiss anzusteuern, wir waren wie blind vor Wut. Im Laufe der Streitereien haben wir uns immer mehr verloren und sind vom eigentlichen Ziel, nämlich unserem Kind ein stabiles, sicheres, liebendes Zuhause in all dem Wirbel zu geben, völlig abgekommen.

Neben der emotionalen Belastung und den Verlustängsten um mein Kind, kam dann noch kurz danach die große Erschöpfung hinzu: mein neues Leben als Getrennterziehende aufbauen, die Arbeit am Laufen halten, den vielen Schriftverkehr mit Ämtern/Anwälten/Gerichten abwickeln, die fehlende Stabilität und Zerstreuung, die man so dringend bräuchte und über allem der unbedingte Wille gepaart mit der Unfähigkeit und der Sorge, seinem Kind trotz dieser stürmischen Zeit nicht genügend Geborgenheit und Ruhe geben zu können.

Wann hast du gemerkt, dass eine Besserung in deinem Leben eintritt und was hast du dafür getan?

Mit dem letzten Gerichtstermin, bei dem wir uns dauerhaft auf das Wechselmodell einigen konnten, welches die Monate zuvor bereits „auf Probe“ lief, trat schlagartig große Erleichterung und auch eine Besserung in unser Leben ein. Es war einfach dieses lang vermisste Gefühl eines geregelten Alltags und von Abläufen, welches plötzlich wieder gegeben war. Aber auch die Tatsache, dass wir beide so erschöpft von den zähen Verhandlungen der vergangenen Monate waren und die Gewissheit, dass wir beide keine Lust mehr hatten, noch mal vor Gericht zu gehen – darin waren wir uns spürbar einig und das machte auch ein bisschen Mut, dass wir uns doch noch irgendwo nicht zu weit voneinander entfernt hatten.
Somit folgte nach dem letzten Gerichtstermin äußerlich zwar keine wirkliche Änderung in unserem neu eingerichteten Alltag, doch durch den nun final beschlossenen Umgang konnte endlich ein wohltuendes Gefühl von Sicherheit und Ruhe eintreten.

Ab diesem Zeitpunkt konnte ich endlich auch wieder die schönen Momente in meinem Leben genießen, die unbeschwerte Zeit mit unserem gemeinsamen Sohn, Unternehmungen mit Freunden und der Familie, mich auf meinen Beruf konzentrieren und nach einiger Zeit auch wieder auf die kindfreie Zeit freuen, in der ich auftanken konnte unter dem vollen Bewusstsein, dass mein Kind ja sehr sicher in der kommenden Woche zu mir zurückkommen wird – und in der Papawoche sehr glücklich und gut aufgehoben ist.

Als Nachtrennungsfamilie lebt ihr das Wechselmodell. Wie und warum habt ihr euch für dieses Umgangsmodell entschieden? Wie ist eure derzeitige Aufteilung der Umgangstage?

Tatsächlich kam für uns ein anderes Modell nicht in Frage, da wir bis dahin beide Hauptbezugspersonen für unser Kind waren und wir zudem auch die Verantwortung, die ein Residenzmodell mit sich tragen konnte, gescheut haben. Irgendwie war uns immer klar, dass der jeweils andere ein ebenso guter Elternteil ist wie man selbst – wir brauchten nur Außenstehende, die uns dabei halfen, dies voreinander einzugestehen – wir selbst hätten es in der Zeit niemals allein regeln können.  

Wir leben im 50/50 Modell, das heißt, unser Sohn ist immer eine Woche bei seinem Papa, eine Woche bei mir. Die Wechselwoche startet immer freitags nach der Kita/Schule, das war ursprünglich angedacht, damit unser Sohn das Wochenende Zeit für die Umgewöhnung hat, bevor der Alltag montags losgeht. Doch schon nach drei Wechselwochen switchte er die Wochen so selbstverständlich, sodass er diese Phase eigentlich gar nicht braucht.

Die ersten drei Jahre lebten wir aufgrund der immer noch recht angespannten Situation sehr strikt nach dem Modell, ohne einzige Ausnahme, ohne Nebenabsprachen. Das Wechselmodell lief konsequent durch, auch bei Geburtstagen, Feiertagen – wir hätten eine Ausnahmeregel niemals alleine hinbekommen – und dem jeweils anderen auch gar nicht zugestanden. In den letzten Jahren hat sich das ganz natürlich etwas aufgelockert, bspw. bieten wir dem jeweils anderen mittlerweile bei dessen Geburtstag an, mit dem Kind zu feiern oder wenn die Großeltern zu Besuch kommen, kann man einen Tag länger bleiben. Dorthin zu kommen, hat aber wirklich Jahre gedauert, und es ist weiterhin keine Selbstverständlichkeit. Mir ist bewusst, dass bei der kleinsten Unstimmigkeit zwischen uns Eltern dieses fragile Konstrukt sofort platzen kann.

Was sind aus deiner Sicht die Vor- und Nachteile des Wechselmodells für die Kinder und die Eltern?

Tatsächlich ist eine konsequente 50/50 Teilung des Modells mitunter stressig, weil man als Eltern gleiche Rechte hat und sich dementsprechend öfters absprechen muss oder dies zumindest tun sollte.
Die großen Vorteile liegen aber darin, dass man eben genau auch 50% aller Pflichten abgeben kann – und zwar ganz konsequent – das muss man sich dann eben auch trauen. So etwas fängt mit einem Kindergeburtstag an, der in die Woche des anderen Elternteils fällt und dementsprechend mit einem Geschenk ausgestattet wird sowie dem Hinbring- und Abholdienst, geht bei der Hausaufgabenbetreuung weiter, hört bei Arztbesuchen nicht auf und zieht sich bis zum Besuch von Elternabenden in der Schule fort.

Wenn man sich das einmal vergegenwärtigt, dem anderen Elternteil dieser Verantwortung überlässt und diesen Teil wirklich loslässt, dann kann das sehr befreiend sein. Auch zu sehen, wie schön es für unser Kind ist, mit beiden Eltern über all seine alltäglichen Themen sprechen zu können, weil wir beide komplett in seinem Alltag integriert sind, ist wahnsinnig schön und erleichternd.

Die Herausforderung des ständigen Kontakts mit dem Ex-Partner war für mich persönlich der unliebsamste Teil des getrennt seins und enthielt auch den meisten Sprengstoff. Missverständnisse, verletzte Gefühle und auch immer wieder aufkommende Hoffnungsschimmer ließen mich für eine lange Zeit eine Gefangene meiner Vergangenheit bleiben. Wie war das bei dir? Wie war der Umgang mit deinem Ex-Partner nach der Trennung? Was hast du dafür unternommen, dass dein Blick in die Zukunft und nicht mehr in die Vergangenheit gerichtet war?

Puh, die Frage zu beantworten fällt nicht ganz leicht, weil sie eine wirklich dunkle Phase in meinem Leben betrifft. Ich kann sehr gut nachempfinden, was du mit dem Gefühl, eine Gefangene deiner Vergangenheit zu sein, meinst. Auch bei uns war es so, dass wir aufgrund der vielen Streitereien nicht glücklich waren, wenn ein gemeinsames Treffen oder ein Kontakt anstand. Teilweise baute sich bereits am Abend zuvor eine unangenehme Anspannung auf, wenn man am kommenden Mittag eine Übergabe haben sollte.


Für mich war es so, dass ich mich in den zwei Jahren nach der Trennung teilweise erstaunt fragte, wie mein Ex-Partner so viel Macht über mein derzeitiges Leben haben konnte – viel mehr als noch in der Beziehung zum Beispiel. Wir waren nie ein inniges, langjährig gewachsenes Paar, sodass der intensive Streit danach oft in keinem Verhältnis zu stehen schien mit dem zuvor da gewesenen – zumal er natürlich sowieso vollkommen sinnlos war.
Tatsächlich hatten wir die ersten Jahre noch im Trennungsmodell und in der Kitazeit nur einen Mikrokontakt in puncto Kommunikation. Das funktionierte, weil die Kita uns in allen Belangen einzeln informierte und wir ansonsten auch separat behandelt wurden: Kitagespräche wurden getrennt geführt, wir bekamen alle Mitteilungen separat zugestellt – das war eine riesige Hilfe in der ersten Zeit. Ein offenes, transparentes Gespräch mit der Leitung und den Erziehern hilft enorm. Niemand braucht sich dafür zu schämen, zuzugeben, dass Dinge gerade nicht funktionieren – und hier Hilfe benötigt wird. Sobald es offen ausgesprochen wird, können die Institutionen – in unserem Fall der Kita – die Möglichkeit erhalten, entsprechend zu reagieren. Sicherlich war bei uns der Vorteil, dass unser Kind noch so klein war und viele Dinge als selbstverständlich angenommen hat, er wuchs einfach in diese Situation hinein. Durch die Kitaübergaben an den Freitagen konnten wir schließlich weitestgehend vermeiden, uns zu oft persönlich zu begegnen – was natürlich an den Feiertagen und in Ferien der Fall war und dementsprechend unschön ablief.


Irgendwann, ich denke es war drei Jahre nach der Trennung, als unsere Kommunikation einmal wieder auf einem absoluten Tiefpunkt war, entschied ich mich, dass unser Streit nicht mehr die Hauptrolle in meinem Leben spielen durfte. Es bestimmte so viel in meinem Tun und Sein und dadurch hatte mein Ex-Partner natürlich auch in gewisser Weise eine sehr große Macht über mich. Mir wurde sehr klar, dass ich mit gewaltsamer Kommunikation nie weiterkomme, sondern nur eine Chance habe, glücklich zu werden, wenn ich mit Nächstenliebe agiere und Herzenswärme. Ich holte mir psychologische Hilfe und Rat und setzte Schritt für Schritt und sehr schnell mein Vorhaben um: Wenn eine böse Nachricht kam, reagierte ich freundlich, höflich und bestimmt. Ab sofort ging ich weder auf Provokationen ein noch ließ einen typischen Streit um Nichtigkeiten zu – ich reagierte zu jeder Zeit sachlich und freundlich und außerdem nur, wenn es die Dinge verlangten. Ich stänkerte weder zurück, noch ließ ich mich auf Provokationen ein. Das erzeugte in den ersten Wochen Irritation, kurzzeitig verstärkte Aggressionen, irgendwann perplexes Schweigen – aber nach einiger Zeit wurde es sehr schnell vor allem: freundlicher.    


Ich merkte, wie stark und froh mich diese Art der Kommunikation macht und was es Gutes in unserer beidseitigen Beziehung ausmacht, wenn auch nur eine Person Ihr Verhalten ändert. Und obwohl es bis heute immer wieder Tiefen gibt oder schwache Momente, in denen ich mich doch nicht ganz im Griff habe – wir sind mittlerweile auf einem echt guten Level angekommen. Wir haben den Respekt füreinander neu entdeckt, und falls das wieder einmal kippt, kann ich nun deutlich und freundlich kommunizieren, dass ich das so nicht möchte und zur Not den Kontakt unterbrechen.     

Abends auf der Couch mal eben besprechen, wer zum Elternabend geht und wer zu Hause auf die Kinder aufpasst, geht bei getrennten Eltern nicht. Wie organisierst du den Alltag der Kinder mit deinem Ex-Partner? Wie häufig kommuniziert ihr und welche Wege nutzt ihr für eure Kommunikation?

Nein, das geht nicht. Zumindest nicht am Anfang. Und das funktioniert dann auch irgendwie. Ich halte es für ungut, wenn von Seiten der Gerichte propagiert wird, dass ein Wechselmodell nur funktioniert, wenn sich beide Seiten „gut verstehen“. Welche Trennung, die vor den Gerichten landet, basiert auf einem guten Verständnis füreinander? Dass Trennungssituationen in solchen Momenten für eine Familie und vor allen Dingen für die Kinder fatal sind, ist unbestritten, aber ich halte nichts davon, direkt in einen unnatürlich harmonischen Modus übergehen zu wollen bzw. dies als Lösung vorauszusetzen. Das setzt die Barrieren für eine gleichbetreuende Elternschaft deutlich höher und auch den sich trennenden Eltern muss man zugestehen dürfen, ein neues Level an Kommunikation miteinander erlernen zu können und vor allen Dingen: erst einmal Ruhe voreinander haben zu dürfen. Dies erfordert nun mal ein Kontakt auf einem absoluten Minimum.

Mittlerweile gehen wir öfters bei Übergaben oder bestimmten Themen miteinander Café trinken, offizielle Termine wie Elternabende und wichtige Arzttermine nehmen wir immer gemeinsam vor – vor einigen Jahren noch absolut undenkbar bzw. nur unter hochexplosiver Spannung vollziehbar!

Meistens kommunizieren wir klassisch via sms oder WhatsApp. Das klappt am besten, weil man die Zeit zum Antworten frei bestimmen kann und sich diese auch durchlesen kann, bevor sie abgeschickt wird, damit es möglichst sachlich und neutral formuliert ist.  


Bei uns ist die Regel klar: Derjenige, der das Kind bei sich hat, kann nicht zu einem Termin gehen. Der andere übernimmt. Das haben wir tatsächlich nie so abgesprochen, es hat sich einfach so ergeben. Auch hier: Gebt Euch Zeit und Raum, damit sich Dinge einfach entwickeln können. Damit möchte ich allen Eltern, die in solch einer schwierigen Situation sind, Mut machen. Ebenso: Es kann vorbeigehen, egal wie absurd weit weg sich ein friedliches Miteinander gerade anfühlt. Und wenn es nicht vorbeigehen will: es kann trotzdem deutlich ruhiger werden als der explosive Anfang. Eine Änderung des eigenen Verhaltens kann manchmal Wunder wirken, weil es das komplette Bild verändert. Auch wenn man es sich kaum vorstellen kann: Die Situation ist nur übergangsweise. Und es liegt auch ein Stückweit an jedem selbst, wie viel Macht man der Situation gibt, das eigene Leben zu beeinflussen. Jeder kann etwas dazu tun, dass es besser wird. Auch wenn der andere eindeutig der ist, der an allem Schuld hat. ; )

  Hast du Tipps und Tricks, die das Wechseln zwischen zwei Haushalten für die Kinder erleichtern? Was für Lösungen hast du gefunden, wenn eines deiner Kinder nicht wechseln und sich in diesem Moment nicht von dir oder dem Vater trennen wollte?

Die Situation, dass unser Kind nicht zum anderen Elternteil wollte, hatten wir so zum Glück noch nicht – zumindest nicht in den ersten Jahren. Mittlerweile haben wir dies ab und an bei triftigen Gründen, beispielsweise wenn ein Campingurlaub noch einen Tag verlängert werden sollte oder bei Papa ein neues Spielzeug ausgiebiger getestet werden möchte. Früher wäre es undenkbar, dem anderen diesen „Trumpf“ zuzugestehen, doch mittlerweile ruft unser Sohn selbst den anderen Elternteil an und erzählt ihm von seinem Wunsch. So kommen wir Erwachsene gar nicht erst in die Lage, uns als Verlierer zu sehen, denn wir sprechen mit unserem Kind direkt und können seine Wünsche dann auch viel besser nachfühlen.

Aus eigener Erfahrung möchte ich von Herzen diesen Tipp mitgeben: Sucht unbedingt Wege und Lösungen, Eure Kinder in der ersten Zeit nicht dem anderen persönlich zu übergeben, sondern immer eine Art Puffer einzubauen, sei es durch die Kita/Schule (einer bringt hin, der andere holt ab, dazwischen haben die Kiddies Ihren gewohnten Alltag) oder die Übergabe durch Freunde, Babysitter, Großeltern, eine Betreuungsperson vom Jugendamt oder Freundeseltern. Versucht alles nur Mögliche, in der ersten schweren Zeit Eurem Ex-Partner aus dem Weg zu gehen. Haltet Eure Kinder unbedingt und möglichst viel von Euren Spannungen untereinander fern – es zerreißt sie. Sie lieben Euch beide, auch wenn das für die jeweiligen Elternteile in einer solchen Situation nicht immer nachvollziehbar ist. Ihr braucht kein schlechtes Gewissen zu haben, wenn Ihr Euch nicht auf ein Café zur Übergabe trefft – es ist hundert Mal besser als die negative Aufregung, die Anspannung und der Frust, den Ihr unbewusst aufbaut und auf das Kind übertragt, wenn es bei einer persönlichen Übergabe mal wieder richtig doof war für alle Beteiligten.

Alles hat seine Zeit, und irgendwann beruhigt sich die erste große Aufregung und wird zu etwas anderem, meist doch zu etwas, das in irgendeiner Art erträglicher ist. Und sei es nur, weil man sich daran gewöhnt.

Gerne würde ich mit dir über die derzeitige Ausnahmesituation sprechen, die wir seit März dieses Jahres aufgrund der vorherrschenden Pandemie haben.

Zu Beginn von Corona wollte der ein oder andere aus Sorge um das eigene Kind und dem Beschützen der Risikogruppe, den Umgang zum anderen Elternteil teilweise untersagen. Wie man jedoch festgestellt hat, war dies nicht rechtens und der Umgang musste weitergeführt werden. Heute, ein halbes Jahr später, stehen wir nun vor der immer näher rückenden Herausforderung einer möglichen Quarantäne. Aufgrund des Pendelns der Kinder zwischen zwei Haushalten kann eine gemeinsame Quarantäne aller Familienmitglieder angewiesen werden. Wo die Kinder zu der Zeit der Anordnung sind, ist dann „Glückssache“. Trifft die Quarantäne also eine Trennungsfamilie, kann das im schlechtesten Fall bedeuten, seine Kinder für 14 Tage nicht sehen zu können, während man seine eigene Quarantäne zu Hause alleine absitzen muss. Hast du Gedanken dazu, wie Trennungsfamilien damit umgehen sollten?

Das ist brutal und der Gedanke daran verursacht Schmerzen – ich bin aber der festen Überzeugung, dass das leider, leider, leider seine Notwendigkeit hat in dieser Situation. Auch bei uns war es so, dazu gleich mehr. Und auch wenn ich gleichwohl hoffe, dass die meisten Getrennterziehenden mit Ihren Kindern und den Ex-Partnern eine gute Lösung finden, damit umzugehen, bspw. in dem man anschl. die „überschüssige“ Zeit beim einen Elternteil in der anderen Elternwoche wieder „dranhängt“. Eine wirkliche Lösung kann es nur individuell geben, da gibt es meines Erachtens keine Pauschalregel.    

Vor welchen Herausforderungen standet ihr als Trennungsfamilie aufgrund von Corona? Hat sich etwas bzgl. der Umgangsregelung und Betreuung geändert?

Bei uns verhielt es sich sehr besonders in der Corona Zeit – aufgrund eines Risikopatienten in der Familie war sehr schnell klar, dass wir unser Kind in der Zeit bei mir lassen müssen – das wurde sehr pragmatisch und fix von dem Papa und mir entschieden – eine der ersten gemeinsamen wesentlichen Entscheidungen seit Ewigkeiten. Somit lebte unser Kind seit mehr als 7 Monaten die weitest übergehende Zeit bei mir und konnte seinen Vater in unregelmäßigen Abständen sehen – was andere Probleme verursachte, sei es Traurigkeit über das Vermissen des anderen Elternteils, die Überforderung bei mir durch die sehr ungewohnte Doppelbelastung sowie Homeschooling, Homework etc – das alles in dieser ohnehin sehr unwirklichen, angespannten Zeit. Tatsächlich denke ich, dass uns die letzten Monate als Familie näher zusammengebracht haben – obwohl wir räumlich viel weiter auseinander waren. Aber wenn man das Kind gemeinsam via Videochat tröstet, weil es den Papa nur so wenig sehen kann, dann kann das auch etwas sehr Vereinendes haben – für die Eltern und das Kind.  

Innerhalb meiner eigenen Trennungsfamilie rutschten wir am Anfang der Corona-Krise sehr viel näher zusammen und wurden ein regelrechtes „Getrennte-Eltern-Dream-Team“. Wir schauten dabei nicht nur auf unsere Tochter, sondern unterstützen uns auch gegenseitig, damit jeder seiner Arbeit trotz Betreuungsausfall nachgehen konnte. Wir haben uns geholfen und uns gegenseitig unterstützt wie nie zuvor.
Jetzt dauert die Pandemie schon über ein halbes Jahr an und je mehr Zeit verstrich, desto mehr rutschten wir wieder in alte Muster zurück. Als Eltern machen wir alles für unsere Tochter, aber ein miteinander unter uns Eltern, wie zu Beginn von Corona, findet nicht mehr statt. Die Unterstützung, das Verständnis und das gegenseitige Helfen sind auf beiden Seiten geschwunden und jeder schaut wieder nur noch auf seine Vorteile! Wie hat sich dein Verhältnis zum Vater deines Kindes aufgrund von Corona und der Krise im Außen verändert? Hat es euer Team-Gefühl als getrennte Eltern gestärkt oder ist alles beim Alten geblieben?

Eine gegenseitige Unterstützung auf Elternebene findet, wie oben erwähnt, durchaus statt, eine Unterstützung auf Expartner-Ebene gibt es eher nicht – das ist aber auch ok. Ich selbst habe ein wunderbares Umfeld aus Familie, Freunden und unterstützender Nachbarschaft, sodass wir dahingehend gar nicht dieses Bedürfnis haben. Wir kannten es aber in dieser Hinsicht auch nie wirklich miteinander.

Stell dir vor, du bist 80 Jahre alt, sitzt gemütlich in deinem Schaukelstuhl und schaust auf die Zeit der Trennung und die Jahre danach zurück. Gibt es aetwas, was du rückblickend anders gemacht bzw. etwas, was du damals schon gerne gewusst hättest?

Das ist ein schönes Gedankenspiel und ich habe mir diese Frage schon selbst öfters gestellt. Und tatsächlich gibt es nicht viel, was ich ändern würde, außer: mich früher darauf besinnen, dass nur Nächstenliebe, Einsicht und Vergebung einen – Zorn, Ego, Wut, Provokationen und Gerichtsschreiben heizen oftmals eine schwierige Situation nur weiter an. Ich würde viel früher deeskalierend handeln, viel mehr den Schulterschluss in gemeinsamen Lösungen suchen, viel mehr Verständnis und Geduld für die Situation der anderen Seite aufbringen, anstatt in meinem eigenen Trotz und meiner eigenen Wahrnehmung zu versinken.  


Vor allem würde ich viel öfters mein Kind aus der Schusslinie nehmen bzw. selbst gehen, um es aus der Spannungsgeladenen Atmosphäre zweier streitender Eltern herauszunehmen. Da fehlte mir im Trennungsstadium oft die Empathie. Andererseits: Genau diese Krise hat mich zu der Person gemacht, die ich jetzt bin. Somit würde ich fast sagen: Ich befürchte, der Weg war notwendig und ich hoffe sehr, dass unser Sohn weiterhin mit so viel Mut, Liebe, Zuversicht und Selbstverständnis durch sein Leben laufen kann, wie er das bisher tut. Wir als seine Eltern geben das in unserem Rahmen stehend möglichste, um ihn dabei zu unterstützen. Jeder auf seine Weise. Jeder im besten Sinne. Getrennt Zusammen.

Da ich Zitate und Weisheiten über alles liebe, möchte ich dieses Interview mit genau solch einem abschließen. Gibt es in deinem Leben einen Spruch, der dich gerade in der Trennungszeit begleitet und dir Mut und Kraft gegeben hat?

Alles fließt.

Der ursprünglich auf den Philosophen Heraklit zurückführende Aphorismus „Panta Rhei“ begegnete mir vor zwei Jahren erneut in Elke Heidenreichs Buch „Alles fließt. Der Rhein“, welche im gleichen Verlag wie mein Buch „Heimische Exoten“, dem Marix Verlag, erschien. Ich finde die Bedeutung so weise und zuversichtlich und in schlimmen Momenten unglaublich tröstlich. Alles ist vergänglich, verformt sich, ändert sich, ist im Fluss. Nichts ist von Dauer, weder das Schmerzhafte, noch das Schöne. Alles fließt. Immer weiter.

Beitragsbild Foto: Katrin Schöning; Layout: Pendelkinder
Vorschaubild: Pendelkinder


4 Replies to “Im Interview bei Verena von Pendelkinder.de”

  1. Liebe Wechselmama, ich höre den Podcast von Verena regelmässig und bin über Euer Interview auf dich aufmerksam geworden. Ich möchte nur einfach danke sagen, dass es Mamas wie dich geben, die so mutig sind, über diese Themen zu sprechen. Gerade macht mich das sehr glücklich und froh, denn ich wäre nie so mutig. DANKE

  2. So berührend und offen, ich bin so froh dass du dich traust, Mut zu machen zu einem Thema, über dass so viele Menschen sich noch nicht trauen zu reden, auszusprechen! Habe es gern gelesen. Danke!

  3. Hallo Wechselmama. Euer Interview gibt dem Kindervater und mir so viel Kraft! Wir sind gerade an einem Punkt, wo wir uns fragen, ob unsere Streits unserem Sohn Schwierigkeiten machen könnten, denn jedes Mal wenn wir uns sehen, kracht es. Ich habe mich getrennt, aber der Vater hat kurz darauf schon eine neue Beziehung, was du dir vorstellen kannst, einiges an negativen Emotionen aufwühlt. Wir haben uns bisher nicht getraut, eine Kontaktpause einzulegen, weil wir immer dachten, unter Kind braucht uns noch immer regelmässig gemeinsam. Aber das Interview gibt uns Mut, für eine Weile Abstand
    zu halten, bis unsere eigenen Emotionen abgekocht sind. Wir werden die Übergaben erstmal nur durch die Kita machen, so lange die auf ist zumindest, das weiß man ja derzeit alles nicht. Danke, danke, bleib gesund!

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