Von kruden Bewertungsnormen im Wechselmodell

Oder: Warum es gut tut, manchmal den Mund aufzumachen.

Ein langer Urlaub ist vorbei, nach 14 Stunden purzele ich aus dem Flieger, zerknautscht, braungebrannt und müde. Endlich wieder klare Luft, endlich wieder Heimat. Ich freue mich auf das Moglikind, dessen Papa-Urlaub auch bald zu Ende ist. Doch bevor mich der Zug nach Hause bringt, halte ich für einen Stopp in meiner Heimat, ein liebgewonnenes Ritual, ich kann hier einfach nicht vorbeifahren, ohne mindestens einen der Menschen von früher zu herzen.

Ich liebe es, meine Vergangenheit zu treffen.

Da kommt er schon, mein Freund aus Jugendtagen, wir drücken uns und obwohl ich seit 20 Jahren weg bin, ist sofort alles wie immer. Mit meinen Menschen von früher fühlt sich alles schön an, da gibt es nur rosa Rückblenden, Heiterkeit und Harmonie. Und manchmal scheint es mir, von Jahr zu Jahr wird die Erinnerung kuscheliger.

Ich erzähle vom Grund meiner Bräune, der langen Reise, traumhaften Surfspots, wildem Meeresrauschen und der Magie des alleinigen Reisens. Mein lieber Freund hört aufmerksam zu, er ist ganz bei mir, zusammen sind wir 5.000 km weit fort.

Seine erste Reaktion, als ich fertig bin: „Wie du das machen kannst. Du musst doch dein Kind vermissen?“

Kraaaaaawuuummmsssssssauuuuaaaaauuuuutschhhhhhhh

Ich wette, viele Mütter kennen solche Sprüche.

Bei mir fing es damit an, als ich nach der Geburt in meinen Vollzeitjob zurückkehrte. Doch wirklich viel wurde es, seitdem unser Kind pendelt.

Und während mein lieber Freund längst von anderen Dingen erzählt, hängen sich meine Gedanken weiter an dieser Frage fest.

Sollte ich nicht verreisen, weil ich doch bitteschön mein Kind vermissen muss?

Was bezweckt man mit einer solchen Frage? Was erwartet man? Gibt es die eine richtige Antwort darauf? Erwarten die Fragesteller ernsthaft, dass wir Mütter zu Hause vermissen sollen? Vielleicht in der Badewanne? Auf einem Stuhl vor der Haustür oder besser noch, verkrochen unter der Bettdecke? Warum? Wem nützt das, etwa dem Fragesteller oder mir oder gar meinem Kind? Steckt ein ernsthaftes Interesse hinter dieser Frage oder gar nur ein Reflex?

Es ist ja gar keine Frage.

Es steckt soviel hinter dieser Frage, und in Wahrheit ist es garkeine. In Wahrheit handelt es sich dabei um eine vergifte Aussage, eine, die keinem realen Austausch standhalten kann.

In kenne diese Kommentare natürlich aus meinem Alltag. Da gehe ich über sowas hinweg. Ich habe gelernt, keine unnötigen Energien zu verschenken, mich nicht aufzureiben, nicht an Menschen, die ich kaum kenne, die mir nicht nah sind. Doch das hier ist anders.

Dass solch eine Frage mir aus meiner kuscheligen Vergangenheit um die Ohren knallt, das kann ich so nicht akzeptieren. Darauf bin ich nicht vorbereitet, das kam so noch nicht vor. Das geht nicht. Das geht so garnicht.

Meine flauschig-verklärte Vergangenheit, die gilt es zu beschützen.

Ich wette, nur sehr wenige Männer kennen solche Sprüche.

Ich könnte es auch einfach ansprechen.

Mittlerweile befinden wir uns in den italienischen Alpen, mit glänzenden Augen erzählt mein lieber Freund von einer zweiwöchigen Motorradtour mit seinen Jungs, von steilen Pässen, Hüttenübernachtungen, Abendessen bei Hefeweizen und Muffelsocken.

Ich finde, wir beide haben ein gutes Gefühl verdient nach unserem Treffen, weil es so doch immer ist, immer war, so hat es einfach zu sein, das lasse ich mir nicht nehmen, nicht nach all unseren Jahren.

Die Gefahr besteht, dass ich seine Laune verderben könnte, wenn ich ihn darauf anspreche.

Ich kann diese überholte Bewertungskala aber diesmal nicht so stehen lassen.

Dann geht alles ganz schnell. Ich unterbreche ihn und sage, dass es schrecklich ist für mich, so etwas Krudes aus seinem Mund gehört zu haben. Er weiß zuerst garnicht, wovon ich eigentlich spreche.

Ich frage ihn, ob er seinen kranken Freund auch daran erinnert, chronisch krank zu sein, wenn der einmal einen schönen Moment erleben durfte. Denn auch ich bin chronisch krank. Vor Liebe und schlechtem Gewissen und Sehnsucht und Sorge. So wie auch unendlich viele andere Mütter, die sich doppelt und dreifach aufreiben, jeden Tag. Und dass ich es unendlich ungerecht finde, dass er mir so einen Spruch drückt. Dass es unfair ist, danach unbeschwert von seinem zweiwöchigen Jungsurlaub zu erzählen, ohne Gefahr zu laufen, ich würde ihn fragen, wie er das fertigbringt, wo er doch seine Kinder vermissen müsste. Nur, weil er ein Kerl ist.

Schon rede ich mich in Rage, meine Sätze werden schneller, Beispiel an Beispiel reihen sich aneinander, von Dingen die ich seit Jahren schon höre, und in diesem Moment spreche ich nicht nur für mich, nein, ich spreche für alle Frauen in meinem Umfeld, die sich selbst verwirklichen, die sich wagen, ein eigenes Leben zu führen, die sich nicht ausschließlich um ihre Kinder kümmern können oder wollen, in Deutschland im Jahr 2019, und mein lieber, lieber alter Freund, er kriegt nun alles ab, all die kleinen Mini-Pieker an Frust, die sich über die lange Zeit zu einem dicken Riesenpieker angestaut haben, weil ich nicht den Mund aufgemacht habe, weil ich dachte es bringt einfach nichts, nun muss er stellvertretend für alle Sprücheklopfer gerade stehen.

Staunend wohnt mein Freund diesem Schauspiel bei, ich überfordere ihn sichtlich, auch ein wenig genüsslich, dabei entwickele ich eine Dramatik in meinen Sätzen, bis endlich, endlich alles gesagt ist zu diesem Thema und mir wirklich nichts, aber auch garnichts mehr dazu einfällt. Himmlische Ruhe.

Wir starren uns an, er ist verblüfft, ich atemlos. Und dann müssen wir lachen, erst leise und verhalten, dann immer lauter und gemeinsam.

Holy shit, tut das gut!

Natürlich sprechen wir jetzt darüber, natürlich versteht er. Alles. Und dann tauschen wir uns aus, so dass auch er zu Wort kommen kann, über generationsbedingte Reflexe, angeborene Schutzsätze, undurchdachte Ignoranz, ganz offen und im Schutz unserer heimeligen Vergangenheit, und dass das so gut läuft, sich so gut anfühlt, das macht mich einfach sehr, sehr froh.

Mein Freund fragt mich, ob ich nicht einen Blogpost schreiben möchte, mit der Sammlung dämlicher Sprüche, die emanzipierte Eltern tagtäglich zu hören kriegen.

Doch schon kommt mein Zug, wir müssen uns trennen, durchs Fenster winken wir uns zu. Er wird mir danach schreiben, wie schön er unser Treffen fand und dass er aus diesem Gespräch einiges mitgenommen hat.

Auch ich habe einiges mitgenommen. Und dazu musste ich garnicht 5.000 km fortfahren. Ich habe gelernt, dass es manchmal auch gut ist, seinen Mund aufzumachen, weil sonst die Gefahr besteht, dass man irgendwann platzt. Dass es wichtig ist, auch für die kleinen Dinge einzutreten, und sei es nur das winzige Stückchen gelebte Rückständigkeit im gleichberechtigten Elternalltag, was einem tagtäglich mit solchen Bemerkungen deutlich gemacht wird. Sonst ändert sich nie was, sonst bleiben die Reflexe und Gewohnheiten und keiner macht sich darüber Gedanken, was für einen überholten Dünnpfiff man ein manches Mal unbedacht von sich gibt.

Ich bin froh, dass ich das einmal austesten konnte, inmitten meiner kuschelig-verklärten Vergangenheit, wo ich mir sicher sein konnte, dass nichts kaputtgeht.

Dann geht’s das nächste Mal sicher auch mit mehr Gelassenheit, in der hiesigen Gegenwart.

Bild: Charlie / Unsplash
Text: Mareike Milde


11 Replies to “Von kruden Bewertungsnormen im Wechselmodell”

  1. Liebe Mareike,
    So vielschichtig, so sensibel, so selbstbewusst, so reflektiert, so zart und zum Glück auch ein bisschen witzig… Deine Texte sind großartig nur leider zuwenige 😉… besonders dieser letzte über Deine Reise beschreibt gut, genau die „angeborenen“ Reflexe, welche das gesellschaftliche Denken beeinflussen. … Ich bin erst seit 2 Monaten Wechselmamma und musste zunächst MICH SELBST davon befreien. Bzw. habe folgendes festgestellt: Wenn unser Kind gerade nicht bei mir ist fühlte ich mich als ob ich etwas verbotenes täte. Als ob es nicht richtig ist. Als ob ich mich vor meiner Verantwortung drücke. Als ob ich meiner Pflicht nicht Nachkomme. Als ob ich nicht, das für unser Kind Bestes, tun würde. (Und nach Ansicht des Vaters, tue ich das ja auch nicht, damit dass ICH mich getrennt habe, aus einem für alle Seiten ungesunden, 4jährigen Beziehungsversuch, zwar ohne viel Streit, aber ohne Liebe und echter Zuneigung, aber mit ganz viel Vermeidung und ohne Reden… etc) … Und das war nicht im Kopf. Das war in meinem Körper (ziemlich nah am Herzen…) ich konnte gar nichts dagegen tun. Ich habe es einfach ganz bewusst wahrgenommen und versucht es einzuordnen. Geholfen haben vor Allem meine Freunde. Und die Tatsache dass der Teil von mir, der als Kleinkindmamma keinen Raum hat, sich sehr freut wieder Raum zu haben und mir viel Genuss bereitet. ZB ist es großartig einfach mal nach 18 Uhr vors Haus zu gehen … Oder Sonntags auszuschlafen und dann stundenlang zu lernen…(wer hätte gedacht, dass das Genuss bringt…😉) Dazu kam/kommt, dass unser Kind sehr an mir hängt (und ich ja auch an Ihr)… obwohl der Pappa immer da war und auch ein toller Pappa ist. Ich bin beruflich im Schichtdienst und unser Kind kennt es gut vom Pappa entweder ins Bett gebracht oder ohne Mamma morgens für die Kita fertig gemacht zu werden oder auch ohne Mamma Nachts beim Pappa zu schlafen… (jaja… unser Kind schläft bei den Eltern… meiner Meinung nach Artgerecht…) ach naja, wie auch immer… jedenfalls viel es ihr SEHR schwer, nicht dass sie bei Pappa war, aber eben ohne mich zu sein… und der Arme Pappa hat es doppelt und dreifach schwer… das meine ich noch nichteinmal ironisch… trotzdem ist mir dann aufgefallen, dass kein Hahn danach kräht, wie ich es denn organisiere, wenn unser Kind bei mir ist. Wohl aber fragt jeder, wie er es denn macht?! So mit Vollzeitjob und Kind und ganz ohne Mamma… (wohlgemerkt: ich arbeite auch Vollzeit… allerdings unfreiwillig und nur noch bis nä Jahr, dann bin ich Gott sei Dank flexibler und freier…). Nunja… inzwischen hat die Gewöhnung ein wenig eingesetzt und wir können Rituale etablieren, die unserem Kind das Vermissen erleichtern und sie entspannt sich sichtlich. Damit parallel fühlt sich mein Mutterherz auch leichter… ich vermisse sie. Oft sehr. Und noch streiten sich meine Gefühle um ihren Platz. Ich wünsche mir vor Allem, dass unser Kind sich gut gewöhnt und auch so eine Selbstverständlichkeit entwickelt wie Mogli. Tolles Kind, Dein Kind❤️

    1. Liebe Mona,
      welch schöne, warmherzige, offene Mail von Dir, hab vielen Dank dafür. Ich kann gut verstehen, wovon du schreibst. Alles eigentlich. Und ich möchte dir Mut machen: so ganz, ganz langsam wird es weniger. Das mit dem schlechten Gewissen und dem sich „verboten“ fühlen, weil man sich etwas Gutes tut, obwohl (!) die Kinder nicht dabei sind. Den großen Schritt, deinen ExPartner in erster Linie als Papa zu sehen und für das zu honorieren, was er für Euer Kind tut, bist du ja bereits gegangen. Hab weiter Vertrauen in dich und deinen Weg. Und: mutiger Schritt mit dem Weg von Vollzeit in die Teilzeit! Ich spiele auch mit dem Gedanken, traue mich aber noch nicht so recht. Alles Liebe, Mareike.

    2. Ich habe bis jetzt nur ganz kurz in diesen Blog geschaut und mir schießen schon die Tränen in die Augen, weil ich mich in den paar wenigen Sätzen die ich gelesen habe so sehr wiederfinde! Ich freue mich schon jetzt, ab Samstag, wenn meine beiden Kinder wieder 3,5 Tage bei Ihrem Papa sind alle Einträge hier zu lesen!DANKE

  2. … als (noch)-keine-Mutter: Danke für das Bewusstsein für die Auswirkungen unserer „mal-eben-so-daher-gesagten Worte“ schaffen.

  3. Oh ja, ich kenne blöde Sätze. Sehr viele sogar. Da könnte man mal eine Sammlung von aufmachen. Die Frage ist: sind diese Sätze wirklich ernst gemeinter Natur oder rutschen sie demjenigen nur heraus wie ein Reflex beim Arzt, wenn dieser mir mit dem Gummihammer aufs Knie schlägt und dieses als Antwort ausholt? Ich freue mich, dass du einen schönen Urlaub hattest und dich nun gut erholt wieder dem Alltag mit allem drum und dran kümmern kannst. Dein Moglikind wird spüren, wie gut es dir geht und davon profitieren. Und dennoch: toll, dass du den Mut hattest, die Sache anzusprechen. Fühl dich lieb gedrückt von einer Freundin aus Kindheitstagen 😉 <3

    1. Hallo Steph! Ja, ich denke tatsächlich es handelt sich um einen Reflex. Meistens will doch keiner was Böses. Von daher gerade wichtig, darauf hinzuweisen, was solche Wörtchen anrichten können. In diesem Fall war es ja zum Glück die richtige Person, die souverän damit umgegangen ist. Und die Sammlung: ist schon in Vorbereitung. Falls du etwas dazu beitragen willst, immer gerne!

  4. Liebe Mareike, ich freu mich so von Dir zu lesen. Du sprichst mir einfach aus der Seele mit deinem Beitrag. Wie oft hatte ich schon exakt das selbe Gefühl.

    Danke fürs Teilen!

  5. Liebe Wechselmama, beim lesen fühlst es sich an als wärst du meine alte liebe Freundin! Danke für den neuen Post! Und danke übrigens danke auch für das vergessene Wort „krude“. ich habe es erstmal gegoogelt. ; ) Ab jetzt gehört es zu meinem aktiven Wortschatz.

  6. Danke für diesen Post. Es hat mir den Tag versüßt! Ich musste wirklich lachen, als du über deinen Wutausbruch geschrieben hast, denn: kennen wir das nicht alle? Wir Mütter müssen schon eine Menge aushalten manchmal.

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