Lieber fremder Wechselpapa,

deine Nachricht erreichte mich nachts, ein paar Stunden vor eurem Wechsel in die Mamawoche. Du hattest die Nacht wieder nicht geschlafen, seit Wochen ist das schon so. Und wenn du doch einschläfst, viel zu spät und nur für ein paar Stunden, dann wachst du in der Frühe mit Herzrasen auf, gefolgt von einem Ohnmachtsgefühl, welches dich durch den folgenden Tag taumeln lässt, als seist du nicht bei Sinnen.

Du schriebst mir, du seist so erschöpft, kaputt und verzweifelt.

Erschöpft, weil du in der Woche mit deinem neunjährigen Kind keine Ruhe gefunden hast, Energien zu tanken. Neben all den Dingen, die du neben der Arbeit, mit Homeschooling, in der Doppelbelastung schultern musst.

Du bist kaputt, weil du dich aufreibst an der Art und Weise, wie dein Kind dich derzeit herausfordert.

Weil es zu Diskussionen auffordert, stürmische Streitereien anzettelt, Dinge bewusst kaputtmacht, jähzornig reagiert, weil es doch gerade selbst so unsicher ist. Du glaubst, ihm nicht genügend Halt geben zu können, in einer Zeit, in der es seit über einem halben Jahr keine Schule mehr hat, in der kein geregeltes Sozialleben mehr möglich scheint.

Du bist verzweifelt, weil du dir Sorge machst, wie du das allein wuppen sollst.

Wenn diese Phase so weitergeht, vielleicht noch stärker wird, vielleicht sogar nie aufhört. Wenn die Schule weiterhin nur zu Hause stattfindet,du aber dort eigentlich arbeiten musst. Du weißt nicht, wie ihr die Ferien miteinander wuppen sollt, wo ihr doch ohnehin schon so viel Zeit aufeinander hockt – und diese garnicht richtig genießen könnt.

Weil du in all diesen Zeiten nicht genügend Kraft und Energie finden kannst, um dich deinem Kind richtig anzunehmen. Ihm richtig zuzuhören, es richtig in den Arm zu nehmen.

Du bist froh, dass jetzt endlich Mamawoche ist.

Und du schriebst, dass du für die Mama hoffst, es wird für sie nicht so schwierig wie für dich. Du schriebst, du hast Angst vor der nächsten Papawoche. Dass du bis dahin nicht genügend Kraft sammeln konntest, um diese Aufgabe erneut zu meistern.

Und du würdest das alles so gerne nicht mir, sondern der Mutter erzählen, so wie früher.

Als ihr am Küchentisch gemeinsam saßt, um über all solche Dinge zu sprechen.

Dinge, die euch interessierten, beschäftigten, sorgten, um zum Ende hin über all das auch mal zu lachen. Doch du kannst das gerade nicht, denn du und die Mutter, ihr seid nicht gut miteinander. Eure Trennung, euer Streit um alles und die verlorene Liebe, er hat gigantische Trümmer hinterlassen, die noch lange nicht abgetragen sind. Du hast davor Angst, ihr deine Ängste mitzuteilen. Dann könnte sie es doch gegen dich auslegen, sie müsste doch an deinen Erziehungsfähigkeiten zweifeln.

Du hast Angst dass sie denkt, du packst es nicht allein, wenn du ihr davon erzählst – genau wie du es nicht mit eurer Beziehung gepackt hast. Du würdest ihr so gerne sagen, dass du ihr mehr Kraft wünschst, mehr Geduld, als du sie in den letzten Wochen aufbringen konntest.

Du würdest sie so gern fragen, ob es ihr manchmal auch so geht wie dir gerade jetzt. Ob Ihre perfekte, starke Fassade vielleicht doch manchmal bröckelt, wenn sie die Tür Eures früheren Eigenheims hinter sich schließt. Du wünschst dir so sehr, Ihr könntet Euch – getrennt gemeinsam – Zuspruch geben.

Doch der Platz am Küchentisch, das ist nicht mehr deiner. Da sitzt nun jemand anders, hier ist kein Raum mehr für dich.

Lieber fremder Wechselpapa, ich weiß nicht, wann sich das bessert bei euch. Ich weiß nicht, ob es sich jemals bessert.

Manche Dinge dauern ewig, manche Dinge nur einen Moment. Aber kein Ding bleibt je so, wie es ist, niemals, soviel ist klar. Manche Veränderungen sind so winzig klein, dass man sie nur aus der Retroperspektive erkennen kann. Und manche Dinge werden nur besser, um danach doppelt so schlecht zu werden. Aber alles, was jetzt ist, ist nur ein aktueller Zustand. Es wird nicht so bleiben, so viel ist sicher.

Liebe müder Wechselpapa, den ersten Schritt hast du getan, für ein besseres Miteinander, und das hätte vielleicht nicht geklappt, wenn du jetzt nicht so kaputt wärst.

Denn ich glaube fest daran: nicht Eure Einstellung muss sich ändern, um das Miteinander anzupassen. Es reicht, wenn du deine Einstellung änderst.

Vielleicht geht es in den nächsten Wochen wieder richtig hoch her zwischen euch beiden. Vielleicht kommst du in deinen kinderfreien Tagen zu der Einsicht, dass alles doch nicht so schlimm sei, dass du nur eine schwache Phase hattest. Vielleicht bleibt ihr danach wieder über lange Zeit sehr starr und stur zueinander.

Aber vielleicht ist das auch der Beginn von etwas ganz frischem Neuen.

Vielleicht könnte dies der Start für eine Veränderung sein, ganz langsam, unsichtbar und leise, und trotzdem unaufhaltsam.

Denn mit deinen Gedanken hat sich die Dynamik schon jetzt angefangen zu ändern: und vielleicht wird die Grundstimmung mit der Zeit weicher, verständiger und irgendwie auch lockerer. Selbst, wenn du das erstmal nicht sehen kannst.

Lieber fremder Wechselpapa, ich danke dir für deine Mail, die so verzweifelnd anrührend, authentisch, verletzlich und brutal ehrlich war, dass ich mir wünschte, alle Eltern könnten in dieser ersten Nachtrennungsphase so offen kommunizieren – und sei es nur übereinander.

Vielleicht ist es nicht schlimm, dass du noch nicht darüber mit der Mama sprechen kannst. Vielleicht ist es erstmal völlig ausreichend, diese Gedanken für dich klar zu haben. Denn indem du deine innere Einstellung änderst, deine Haltung zu euch beiden, änderst du deine Rolle im großen Ganzen.

Und damit ändert sich alles.

Und stell dir vor: daraus könnte irgendwann eine neue Form von WIR wachsen, die durch deine bisherige Sichtweise garnicht möglich war.

Eventuell schafft ihr es dadurch im ersten Schritt, Eurem wunderbaren Kind die Sicherheit zu geben, die es gerade in dieser verrückten Welt so dringend braucht. Um gesund zu wachsen und sich austoben zu können, eben die ganze Klaviatur an Gefühlen erlernen zu dürfen – immer mit der Sicherheit im Rücken, dass ihr gemeinsam da seid. Um es getrennt voneinander aufzufangen.

Und dafür, lieber Wechselpapa, gibts nun eine digitale Umarmung. Voller Wärme und mit gebührendem Respekt. Chapeau und baba.

Bild: Florian Klauer I Unsplash
Text: Mareike Milde

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