The Call

Oder: Wie es sich anfühlt, nach 8 Wochen Corona Homeoffice wieder in die Kita zu dürfen.

Der Anruf kommt, völlig unerwartet, wie aus einer anderen Welt. Ein bisschen fühlt es sich an, wie aus einem Traum zu erwachen. Nach einer sehr langen, langen, unruhigen Nacht. Solch eine, bei der man den Kopfschmerz schon spürt, bevor man die Augen richtig aufhat.

Wie so oft sitze ich auf dem Fussboden vor dem Sofa, irgendwo unter meinen Beinen klemmt eine elektronische Dampflook. Auf dem einen Oberschenkel balanciert der Laptop, ein Hörspiel plärrt im Hintergrund, das Moglikind spielt laut und geräuschvoll mit seiner Eisenbahn. Ab und an muss ich ihm eine Schiene reichen, ab und an werden Teile meines Körpers verbaut, ich habe mich daran gewöhnt, an diese Art von Arbeit, während drum herum die Kirmes tobt, nach all den vielen, vielen Wochen.

Als es klingelt, greife ich zerstreut zum Handy und schalte auf Lautsprecher, dieser Anruf ist nicht für mich.

Unregelmäßig melden sich die Erzieher unserer Kita, sie plaudern gern mit unseren Kindern, sie schicken Bastelanleitungen von ihren einsamen Tagen aus einer kinderlosen Kita, auch ihnen geht die Situation derweil auf den Keks. Geistesabwesend begrüsse ich den jungen Erzieher, er ruft eine fröhliches MOIN durch die Leitung und teilt uns ohne Umschweife mit, dass wir ab morgen wieder kommen dürfen.

Ich werde wach.

Ich frage „WAS?“

Ich kann nichts hören.

Das Moglikind schreit auf, es reißt die Arme über den Kopf, es brüllt und tanzt und jubelt so unbändig, dass mir klar wird, hier passiert gerade Unglaubliches. Ich stottere wieder: „Was? Warum? Warum denn?“

Und ich kann es einfach nicht fassen.

Die Elektrolok tufft empört unter meinem Po. Der Erzieher erklärt uns, wir im Wechselmodell gelten als Alleinerziehende, und für eben diese sei ab morgen die Notbetreuung erweitert, wir können also wieder kommen, sofern denn das Moglikind will, sofern…ich will?

Tränen laufen mir übers Gesicht. Ich lege auf. Vollkommen überfahren von dieser Situation. Dramaturgisch passend trudelt ein türkis-pinkes Einhorn-Konfetti aus meinem Haar und verkantet sich in der Laptop-Tastatur. Die Erleichterung schüttelt sich nur so aus mir heraus, nach so vielen Tagen, Wochen, mir ist ganz flau und gleichzeitig ganz leicht. So gut.

Erst gestern wurden einmal wieder Lockerungen von der Regierung verkündet. Lockerungen, die ich schon garnicht mehr verstehe, weil ich nur eins kann: garnichts oder alles. Diese Dinge dazwischen, dieses halb-erlaubt, es verunsichert mich, es sind keine klaren Grenzen, ich kann damit nicht umgehen, aber alles, wirklich alles, was ich daraus mitgenommen hatte, war:

Kinderbetreuungsmodelle und die Entlastung von Familien spielen hierbei keine Rolle.

Es geht um den Start der Bundesliga, um die Öffnung von Geschäften über 800 Quadratmetern, um Friseure, die unter Auflagen schneiden dürfen (Brauen färben untersagt!) .

Aber es geht nicht um Betreuungsmodelle für Kinder und Entlastungen für Familien.

Über Nacht hatte ich mich darauf eingestellt, dass alles hier bis zum Sommer irgendwie so weiter zu wuppen, keine Ahnung wie, das ist ja auch egal, man hat keine Alternative. Durchkommen, nicht nachdenken. Irgendwie.

Das Handy, es klingelt schon wieder. Erneut die Kita. Endlich verstehe ich, dass sie wirklich da ist, die lang ersehnte Hilfe. Wir dürfen wirklich morgen wieder in die Kita, vielleicht nur für ein paar Stunden, vielleicht drei oder vier, es kann auch sein, dass die Kinder nach all den Wochen Probleme haben mit der Eingewöhnung und wieder schnell nach Hause wollen, aber wenn wir es versuchen wollen würden, … ich rufe ein „JA-Ja-Ja..!“ Und lege wieder auf.

Diese Zeiten machen so viel mit einem. Weinen. Demut. Dankbar sein. Sich auf die einfachen Dinge berufen, die, die sonst selbstverständlich waren.

Am nächsten Tag stehen wir aufgeregt und auf die Minute pünktlich am Eingang. Reingehen darf man nicht, die Kinder werden einzeln und nach Anmeldung an der Tür abgeholt, 9 Kinder sind heute im ganzen riesigen Kita-Haus, welches eigentlich für 160 Kinder konzipiert ist. Es ist still, fast unheimlich. In der Küche klappert die Kindergartenköchin, irgendwo lacht jemand auf.

Ein winziges Stück Normalität in diesem absurd gewordenen Ding, was man sonst Alltag nannte.

Das Moglikind fliegt seinem Betreuer in die Arme und brüllt ein überschäumendes: „TSCHÜSS MAMAA“ über seine Schulter, bevor beide glücklich in Richtung Spielraum verschwinden.

Erneut tappere ich durch einen Nebel von Tränen zu meinem Rad und strampele heim. Das erste Mal alleine seit … 4 Tagen? 8 Wochen? 3 Monaten? Mein Gehirn ist Brei. Zu Hause ist es unnatürlich still. Erwartungsfroh setze ich mich an den Schreibtisch. Ich habe nun 90min Zeit, um zu arbeiten, ohne Unterbrechung, ohne Bereitschaft, irgendetwas für irgendjemanden anzureichen, herauszuholen. Das Haus ist so still, es tut mir in den Ohren weh. Ich starre in meinen Rechner, Mails ploppen auf.

Was macht man mit 90 möglichen Minuten, wenn man sie wirklich, wirklich nutzen kann?

Mein Handy bimmelt, ich drücke weg. Ich habe nur diese eine Chance, ich muss sie jetzt nutzen. Vielleicht setze ich mich an die komplizierte Kalkulation, die ich seit Wochen vor mir herschiebe? An die strategische Herleitung, die mir auf der To Do Liste drückt? Spreche mit dem Kunden ernsthaft über unsere budgetäre Lage? Mein Blick schweift in die Bäume, in den nahen Park. Wann wurde es eigentlich so grün in den letzten Wochen? Was ist hier passiert? Wo war ich eigentlich die ganze Zeit? Ich lehne mich zurück, schließe die Augen, geniesse den Moment. Ruhe. Was für irre Wochen. Die kommenden 90 Minuten tue ich nichts. Nur atmen, gucken, staunen. Totaler Leerlauf im Gehirn. So gut. So gut.

Als ich das Mogikind abhole am frühen Mittag, ist es euphorisiert. Auch wenn die Kinder, die in der Kita sind, nicht seiner Gang angehören. Aber man merkt, dass auch dem Kind sein eigener Bereich fehlte, seine Bezugspersonen, sein hier vertrautes Umfeld, seine Spielsachen. Er hat viel zu erzählen.

Schon am dritten Kitamorgen ist es anders.

Das Moglikind hat keine Lust mehr auf die Kita, wünscht sich einen Tag zu Hause. An der Ampel auf dem Weg diskutieren wir noch, als eine Kitamutter nebst Kinderanhänger neben uns hält. Auch sie ist müde, auch ihr sieht man die letzten Wochen an. Sie will zum einkaufen, wo wir denn so früh hinwollen. „Na, in die Kita natürlich“ kräht das Moglikind und im Gesicht neben uns verrutscht so einiges. „In die Kita???“ flüstert sie mich tonlos an und ich kann sie so fühlen. „Ja, aber nur zum testen, Notprogramm und so“ nuschele ich und fahre schnell weg, bevor ein schlechtes Gewissen aufkommen kann. Nicht heute, nicht hier. Nicht ich. Nicht diesmal.

Vor der Kita erklärt mir das Moglikind nochmals eindringlich, dass die Kinder in der Kita nicht seine Freunde sind. Das er unmöglich da rein kann. Und ich sage ihm, fast schon ein bisschen streng, dass man manchmal eben auch Kompromisse machen muss. In Zeiten von Corona, ohne feste Pläne, Hilfe, Unterstützung, Aussichten. Dass er sich freuen kann über seine Erzieher, die er so vermisst hat, über den großen Garten und das Klettergerüst, welches ihm gefehlt hat, über die Spielsachen, die es nur in Kita gibt und über den vielen Platz, den er nun hat, wo die Kita so schön leer ist.

Und dass es immer auch an einem selbst liegt, was man daraus macht. Aus der Situation, aus den Leuten, aus der Zeit.

Ich rede wohl so mitreißend und motivierend, wie ich es mir eigentlich selbst wünsche zu hören, gerade in diesen Tagen, von unseren Politikern und Gesetzgebern, zur PrimeTime im Fernsehen.

Und es scheint zu wirken, zumindest bei meinem Kind. Das Moglikind lauscht andächtig, dann nickt es feierlich: “Gut. Ich mache mir heute die beste Zeit meines Lebens, abgemacht. Wirste mal sehen. Tschüss Mama.“ Und dann verschwindet er, selbstbewusst, klar und mutig, in die Arme seines Erziehers, ohne sich noch einmal umzudrehen.

Bild: Miryam León I Unsplash
Text: Mareike Milde

2 Replies to “The Call”

  1. Liebe Mareike, ich habe deinen Blog einer freundin in der gleichen Situation empfohlen. Nun bin ich aber selbst die begeisterteste Leserin, auch wenn ich zu Hause die volle Packung habe, also lieben Mann schon seit der Jugend, zwei Kinder und ein Haus mit Garten. Du schreibst so weit und gibst soviel Raum zur Interpretation, es ist für alle genug Stoff zum lesen und sich selbst wiederfinden. Das Leben passiert nunmal. Und du gehst damit so schön um. So, jetzt habe ich endlich mal kommentiert. Ich ziehe mich nun wieder in meine stille Leseecke zurück. Vg aus Rosenheim von Kim

  2. Wie schön und wie wahr deine Worte, mal wieder! Man kann die Erleichterung förmlich mit den Händen greifen. Bei uns geht es in 2 Wochen wieder los. Gottseidank!

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